Kennt ihr die Bücher von Guillaume Musso? Mittlerweile gibt es ja eine ganze Menge, da Herr Musso offenbar jedes Jahr eins herausbringt. Das kann gut sein und das Leserherz ob der Neuerscheinungen erfreuen, oder aber auch nicht. Seit etwa 3 Jahren (und damit 3 Büchern von ihm) hinterfrage ich mein bis dato bestehendes Musso-Fansein, weil seine Bücher mich tatsächlich immer mehr aufregen. Warum? Das versuche ich jetzt mal zu erklären.
An und für sich finde ich es ja toll, wenn Autoren dem Bedürfnis ihrer Fans und Leser nach neuen Geschichten so gut nachkommen und fleißig schreiben, schreiben, schreiben; dass man sich quasi drauf verlassen kann, jedes Jahr ein neues Buch von ihm in der Hand zu halten. Schwierig wird es dann, wenn unter der Quantität die Qualität zu leiden hat. Und leider ist genau das nämlich mein Eindruck bei den Büchern von Herrn Musso. Ich - und vermutlich viele viele andere - sind durch sein 2012 auf Deutsch erschienenes Buch "Nachricht von dir" auf ihn aufmerksam geworden. Das Buch hat mir ausgesprochen gut gefallen, wie man z.B.
in meiner Rezension von damals nachlesen kann. Damals kaufte ich mir in meiner Begeisterung auch gleich noch ältere Bücher von ihm, z.B. "Wirst du da sein?" oder "Weil ich dich liebe". Auch das 2014 herausgebrachte "Vielleicht morgen" fand ich noch gut. Sämtliche Bücher, die danach erschienen, hinterließen bei mir jedoch stets einen faden Beigeschmack oder sogar richtig große Enttäuschung. Woran liegt das?
1. Vor allem seine letzten Bücher folgen irgendwie immer dem gleichen Muster bezüglich Figuren, Plot und Handlung. Mann und Frau begegnen sich unter kuriosen oder ungewöhnlichen Umständen und sind fortan gezwungen, etwas gemeinsam (manchmal auch alleine, aber mit den Gedanken bei dem Anderen) zu ermitteln oder aufzudecken. Irgendein Rätsel zu lösen, das unweigerlich immer tief in die eigene Vergangenheit hineinreicht und ebenso große Auswirkungen auf die eigene Zukunft haben wird. Als ich noch neu im Musso-versum war, fand ich genau das total spannend. Eine Mischung aus Roman, Rätselraten, ein bisschen Romantik und noch dazu flott und locker geschrieben. Wenn das immer gleiche Muster aber wieder und wieder bemüht wird und jede Geschichte das gleiche Schema X aufweist, geht mein Interesse flöten. Ich glaube, das ist das, was mich in den Tiefen meines Herzens wirklich richtig ärgert und enttäuscht: dass Herr Musso mich mit seiner Art, zu schreiben, und der Art, seine Geschichten aufzubauen, einfach nicht mehr überraschen kann. Man weiß bei ihm total, woran man ist. Man bekommt genau das, was man schon in all seinen Büchern zuvor bekommen hat. Und das ist schade.
2. Es tauchen auch immer wieder die gleichen Muster bezüglich der Reisen der Figuren auf. Stets sind Frankreich und die USA Schauplätze der Handlung, ganz selten zieht es jemanden auch mal woanders hin. Das wäre an sich ja auch noch ok, aber was mich wirklich jedes Mal fuchsig macht beim Lesen, ist diese gespielte Leichtigkeit und Unbekümmertheit, mit der die Figuren hier lustig über den Erdball reisen - und vor allem in einem erzählerischen Tempo! Stets ist es das gleiche: Jemand stellt fest, dass ein Hinweis ihn nach Frankreich respektive USA führt und er steigt prompt in das nächste Flugzeug, das in der Welt von Guillaume Musso offenbar auch direkt betankt gleich um die nächste Ecke steht und nur auf die Passagiere wartet. NIE hat hier jemand Probleme, überhaupt einen Platz in einem ultra-spontan gebuchten Flug zu bekommen. VON DEN KOSTEN MAL GANZ ZU SCHWEIGEN!! NIE hat hier jemand Geldprobleme, sondern kann sich ganz problemlos Flüge über den großen Teich leisten, gern auch mehrere innerhalb weniger Tage. Der nächste Flug geht übrigens auch immer innerhalb der nächsten Stunde und dann befindet sich die betreffende Person nach nur wenigen Flugstunden frisch und munter im anderen Land und kann dort direkt weiter ermitteln oder suchen oder was auch immer tun. Jetlag oder Müdigkeit oder einfach dieses "Boah, war die Reise anstrengend, ich kann nich mehr und seh auch aus wie ausgekotzt"- Gefühl, das man zuweilen nach einer (Flug-)Reise hat - keine Spur davon! Völlig egal, ob jemand gerade eben (vor einer Stunde!!) erst einen operativen Eingriff hatte (wie in "Das Atelier in Paris"), das macht doch nichts, nur wenige Minuten später sitzt sie im Flieger.
ACHTUNG SPOILER: Völlig egal, ob jemand am nächsten Tag allen Ernstes eine Operation am Gehirn haben soll, Herr Musso schickt die Person bis wenige Minuten davor erstmal noch lustig auf Schnitzeljagd durch New York. Noch dazu jemand, der sich über sein eigenes Handeln gar nicht mehr im Klaren ist. !! (so geschehen in "Nacht im Central Park") Im Ernst? Wie geht sowas durchs Lektorat? Wie kann man denn sowas echt schreiben und vertreten? Dieses kleine, aber neurologisch-fachlich katastrophale Detail nehme ich Herrn Musso übrigens wirklich sehr übel. Da ich mich mit diesem Thema ganz gut auskenne (und gerade darin promoviere), stört mich diese medizinische Unbekümmertheit (und Unwissenheit), die er da an den Tag legt, ungemein. Fiktion und ausgedachte Details - schön und gut, aber irgendwie nachvollziehbar muss es doch bleiben in Büchern, die nicht explizit als Fantasy ausgeschrieben sind. SPOILER ENDE.
Diese unrealistischen Momente häufen sich in den Musso-Büchern. Diese kleinen Details, bei denen man sich an den Kopf fasst und bei denen man sich, wenn man ehrlich ist, eigentlich die ganze Zeit denkt "Im realen Leben läuft das so aber nicht ab. Bei mir würde das nie so funktionieren.". Klar, es ist künstlerische Freiheit, Herr Musso kann schreiben, was und wie er will. Aber wenn es trotzdem manchmal so offensichtlich am realen Leben vorbeigeht, hinterlässt das bei mir einen faden Beigeschmack.
3. In meinen Augen wird es wirklich bedenklich, wenn ein Autor eine bereits genutzte Hauptfigur, deren Geschichte eigentlich schon zu Ende erzählt war und die ihr Happy End bereits erhalten hat, "reaktiviert" und sie einfach nochmal in ein neues Buch aufnimmt. Ich meine, was ist denn das? Reicht die Fantasie ernsthaft nicht aus, um sich noch jemand anderen auszudenken und demjenigen die neue Geschichte auf den fiktiven Leib zu schreiben?! Ich nehme ihm wirklich total übel, dass er die Figur "Madeline" aus dem Buch "Nachricht von dir" in seinem letzten Buch "Das Atelier in Paris" erneut zur Hauptfigur gemacht hat, und das nicht mal mit erkennbarem Grund. Die Geschichte, die in "Das Atelier in Paris" erzählt wird, hätte JEDE neu ausgedachte Figur erleben können. Wirklich. Es hätte nicht Madeline sein müssen. Denn so lässt es "Nachricht von dir", mein Musso-Lieblingsbuch, jetzt nur noch belanglos wirken.
Ich weiß auch nicht, irgendwie fehlen mir in seinen Büchern auch zunehmend seine Empathie und das Einfühlungsvermögen in seine Figuren. Dieses Gefühl, das man beim Lesen manchmal hat, wenn man merkt, einem Autor ist wirklich wichtig, was hier mit seiner Figur passiert und was sie durchmacht. Immerhin hat er sie geschaffen, da will er doch dann auch wissen, was so mit ihr alles passiert, denke ich mir zumindest. Das vermisse ich mittlerweile in den Büchern von Herrn Musso. Diese erinnern mich mittlerweile eher an "Massenware", die schnell geschrieben und schnell produziert und gedruckt wird. Ich kenne nicht viele Autoren, die tatsächlich jedes Jahr ein Buch rausbringen. Herr Musso tut es.
Und - Zufall oder nicht - tatsächlich finde ich in seinen letzten Büchern auch immer mal einen Rechtschreibfehler oder Fehler in der Formatierung der Überschriften oder ähnliches. Klar, das lässt natürlich keine Rückschlüsse auf die französische Originalausgabe zu. Aber irgendwie ist es in meinen Augen immer passend und es bestärkt mich in meiner Meinung, dass das hier wieder ein "schnell gemachtes Buch" ist, wenn ich so einen Fehler bemerke.
Bisher habe ich dennoch jedes erschienene Buch von Herrn Musso gekauft und gelesen. Warum? Naja, weil ich letztlich immer wieder hoffe, doch mal wieder von ihm überrascht zu werden. Doch mal wieder ein Buch wie das damalige "Nachricht von dir" in den Händen zu halten und so richtig begeistert zu sein. Stattdessen wächst zunehmend von Buch zu Buch mein Frust.
Vor ein paar Tagen habe ich gelesen, dass im November wieder ein neues von ihm rausgebracht wird, dieses hier nämlich. Ich bin mir nicht sicher, ob ich dieses dann auch wieder lesen werde.
Kennt ihr die Bücher von Guillaume Musso? Geht es euch beim Lesen vielleicht genauso wie mir? Welches Buch von ihm mögt ihr am liebsten?