Karl Blessing Verlag, 2024
24,00 Euro
Übersetzerin: Astrid Finke
Worum geht´s?
1938: Auf einer abgelegenen Insel vor der walisischen Küste träumt die achtzehnjährige Manod von einer Zukunft auf dem Festland. Als ein Wal strandet, ist er für die kleine Gemeinschaft von Fischern nicht nur ein schlechtes Omen, sondern spült auch Edward und Joan aus Oxford an, die auf der Insel ethnografische Studien betreiben möchten. Manod ist fasziniert von ihnen und wird, klug und zielstrebig wie sie ist, zu deren Übersetzerin und Gehilfin. Doch was als Zweckgemeinschaft begann, nimmt eine folgenreiche Wendung, als daraus eine Freundschaft wird, die aufgeladen ist mit Hoffnungen und Sehnsüchten.
Meine Meinung
Genauso plötzlich, wie man in die Geschichte hinein geworfen wird, ist sie auch wieder vorbei. Für ein paar Wochen, eher Monate, im Jahr 1938 begleitet man die Bewohner einer unbenannten Insel bei ihrem Leben und Tun irgendwo zwischen Großbritannien und Irland, vielleicht auch etwas nördlicher - man erfährt es nicht. Das ganze beginnt, als ein toter Wal angeschwemmt wird, der es nicht wieder aufs offene Meer hinaus geschafft hat. Dieser Wal führt zwei Forscher aus England auf die Insel, Edward und Joan, die die Insulaner und ihre Lebensweisen in der kargen, schroffen, abgelegenen Welt der Nordatlantikinsel studieren und protokollieren möchten.
Wir als Leser begleiten die Geschehnisse aus der Perspektive von Manod, einer 18-jährigen Bewohnerin, die zusammen mit ihrem Vater und ihrer jüngeren Schwester auf der Insel lebt. Sie kennt die Eigenheiten der Inselbewohner, ihre Traditionen und Lebensweisen, die die kleine Inselgesellschaft auszeichnen und seit sie alle denken können, am Leben halten. Dieses Leben ist einfacher, langsamer und mühsamer als jenes, das die Menschen vom Festland kennen, die gemeinsam mit dem Fortschritt das nächste Kriegsjahrzehnt im Jahrhundert begehen. Auf der Insel munkelt man bestenfalls etwas davon, dass es irgendwo Krieg geben könnte. Manod kennt die Insel und ihre Bewohner in- und auswendig, will aber eigentlich nur weg von da, ist des Insellebens müde, will London und Paris sehen und am liebsten studieren. Diese Chance scheint mit dem Auftauchen von Edward und Joan plötzlich zum Greifen nah.
Ehrlicherweise weiß ich nicht so recht, was ich von "Die Tage des Wals" halten soll. Schon allein in der Aufmachung fand ich es wenig ansprechend. Es besteht aus kurzen Kapiteln, die teilweise nicht mal die Hälfte einer Buchseite einnehmen. Die Einteilung in Kapitel erschien mir meist willkürlich. Es folgt eine Darlegung einzelner, meist lapidarer Episoden im Leben der Inselbewohner. Natürlich spiegelt genau diese Eintönigkeit das reale Leben der Bewohner wahrscheinlich auf ideale Weise wider. Trotzdem habe ich mir einfach mehr gewünscht. Es sind bloße Aneinanderreihungen über Handlungen, Dinge, die Manod tut. Kaum Gedankenwelt, geschweige denn Einblicke in ihre Gefühle. Teils kann man sich ihre Frustration über ihren Wunsch, wegzugehen, selbst denken. Aber hier kommt irgendwie nichts bedeutendes rüber, alles ist so sachlich und banal wie nebenbei aufgeschrieben.
Manod ist auch eine schlechte Heldin, die nichts selbst in die Hand nimmt, sich über den Tisch ziehen lässt, am Ende dumm da steht und irgendwie nichts umsetzen kann von ihren Hoffnungen. Sie ist als Romanfigur völlig unnahbar. Es gibt für Manod genauso wenig Entwicklung wie für die ganze Insel, auf der sie lebt, und wie für die Bewohner. Das höchste, was passiert, ist, dass gelegentlich einer aufs Festland zieht, auf der Suche nach Arbeit oder einem neuen - wetterdichten - Zuhause. Ich glaube, das entspricht vermutlich sehr der Realität, das muss man der Autorin zugute halten. Genauso wie ihr Vorwort, in dem sie kurz darlegt, dass es viele solcher kleinen bewohnten Inseln gab und gibt, die fernab der Weltgeschehnisse ihre Jahre ins Land gehen lassen, nur vom Fischen und der Schafzucht leben, wie eine kleine Inselblase im großen Weltengetriebe. Das mag alles sachlich korrekt sein. Für einen Roman ist es aber in meinen Augen zu wenig. Am Ende sitze ich da, schlage die letzte Seite um und frage mich wirklich, was ich mit dieser Geschichte machen soll, wofür sie gut ist. Zur Unterhaltung nicht, zur moralischen Entwicklung nicht, zur Entdeckung neuer Reiseziele nicht. Ich schätze, ich werde mich an "Die Tage des Wals" in einigen Wochen nicht mehr erinnern können.



