Samstag, 7. September 2024

"Die Tage des Wals" - Elizabeth O´Connor

Karl Blessing Verlag, 2024

24,00 Euro

Übersetzerin: Astrid Finke



Worum geht´s?

1938: Auf einer abgelegenen Insel vor der walisischen Küste träumt die achtzehnjährige Manod von einer Zukunft auf dem Festland. Als ein Wal strandet, ist er für die kleine Gemeinschaft von Fischern nicht nur ein schlechtes Omen, sondern spült auch Edward und Joan aus Oxford an, die auf der Insel ethnografische Studien betreiben möchten. Manod ist fasziniert von ihnen und wird, klug und zielstrebig wie sie ist, zu deren Übersetzerin und Gehilfin. Doch was als Zweckgemeinschaft begann, nimmt eine folgenreiche Wendung, als daraus eine Freundschaft wird, die aufgeladen ist mit Hoffnungen und Sehnsüchten.




Meine Meinung

Genauso plötzlich, wie man in die Geschichte hinein geworfen wird, ist sie auch wieder vorbei. Für ein paar Wochen, eher Monate, im Jahr 1938 begleitet man die Bewohner einer unbenannten Insel bei ihrem Leben und Tun irgendwo zwischen Großbritannien und Irland, vielleicht auch etwas nördlicher - man erfährt es nicht. Das ganze beginnt, als ein toter Wal angeschwemmt wird, der es nicht wieder aufs offene Meer hinaus geschafft hat. Dieser Wal führt zwei Forscher aus England auf die Insel, Edward und Joan, die die Insulaner und ihre Lebensweisen in der kargen, schroffen, abgelegenen Welt der Nordatlantikinsel studieren und protokollieren möchten.

Wir als Leser begleiten die Geschehnisse aus der Perspektive von Manod, einer 18-jährigen Bewohnerin, die zusammen mit ihrem Vater und ihrer jüngeren Schwester auf der Insel lebt. Sie kennt die Eigenheiten der Inselbewohner, ihre Traditionen und Lebensweisen, die die kleine Inselgesellschaft auszeichnen und seit sie alle denken können, am Leben halten. Dieses Leben ist einfacher, langsamer und mühsamer als jenes, das die Menschen vom Festland kennen, die gemeinsam mit dem Fortschritt das nächste Kriegsjahrzehnt im Jahrhundert begehen. Auf der Insel munkelt man bestenfalls etwas davon, dass es irgendwo Krieg geben könnte. Manod kennt die Insel und ihre Bewohner in- und auswendig, will aber eigentlich nur weg von da, ist des Insellebens müde, will London und Paris sehen und am liebsten studieren. Diese Chance scheint mit dem Auftauchen von Edward und Joan plötzlich zum Greifen nah.

Ehrlicherweise weiß ich nicht so recht, was ich von "Die Tage des Wals" halten soll. Schon allein in der Aufmachung fand ich es wenig ansprechend. Es besteht aus kurzen Kapiteln, die teilweise nicht mal die Hälfte einer Buchseite einnehmen. Die Einteilung in Kapitel erschien mir meist willkürlich. Es folgt eine Darlegung einzelner, meist lapidarer Episoden im Leben der Inselbewohner. Natürlich spiegelt genau diese Eintönigkeit das reale Leben der Bewohner wahrscheinlich auf ideale Weise wider. Trotzdem habe ich mir einfach mehr gewünscht. Es sind bloße Aneinanderreihungen über Handlungen, Dinge, die Manod tut. Kaum Gedankenwelt, geschweige denn Einblicke in ihre Gefühle. Teils kann man sich ihre Frustration über ihren Wunsch, wegzugehen, selbst denken. Aber hier kommt irgendwie nichts bedeutendes rüber, alles ist so sachlich und banal wie nebenbei aufgeschrieben. 

Manod ist auch eine schlechte Heldin, die nichts selbst in die Hand nimmt, sich über den Tisch ziehen lässt, am Ende dumm da steht und irgendwie nichts umsetzen kann von ihren Hoffnungen. Sie ist als Romanfigur völlig unnahbar. Es gibt für Manod genauso wenig Entwicklung wie für die ganze Insel, auf der sie lebt, und wie für die Bewohner. Das höchste, was passiert, ist, dass gelegentlich einer aufs Festland zieht, auf der Suche nach Arbeit oder einem neuen - wetterdichten - Zuhause. Ich glaube, das entspricht vermutlich sehr der Realität, das muss man der Autorin zugute halten. Genauso wie ihr Vorwort, in dem sie kurz darlegt, dass es viele solcher kleinen bewohnten Inseln gab und gibt, die fernab der Weltgeschehnisse ihre Jahre ins Land gehen lassen, nur vom Fischen und der Schafzucht leben, wie eine kleine Inselblase im großen Weltengetriebe. Das mag alles sachlich korrekt sein. Für einen Roman ist es aber in meinen Augen zu wenig. Am Ende sitze ich da, schlage die letzte Seite um und frage mich wirklich, was ich mit dieser Geschichte machen soll, wofür sie gut ist. Zur Unterhaltung nicht, zur moralischen Entwicklung nicht, zur Entdeckung neuer Reiseziele nicht. Ich schätze, ich werde mich an "Die Tage des Wals" in einigen Wochen nicht mehr erinnern können.

Sonntag, 31. März 2024

"Twelve secrets" - Robert Gold

Goldmann Verlag, 2024
16,00 Euro


Worum geht´s?
Ben Harpers Leben änderte sich für immer, als sein älterer Bruder scheinbar grundlos von zwei Klassenkameradinnen getötet wurde. Der kaltblütige Mord schockierte damals die Welt und katapultierte Bens Familie und ihre idyllische englische Heimatstadt Haddley ins Rampenlicht der Medien. Zwanzig Jahre später ist Ben einer der besten Journalisten des Landes und lebt wieder in Haddley. Als ein Mordfall neue Hinweise zum Tod seines Bruders liefert, beschließt Ben, zusammen mit der Polizistin Dani Cash der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Doch je mehr er in die Ermittlungen eintaucht, desto verdächtiger werden diejenigen, die ihm am nächsten stehen …



Meine Meinung
"Twelve secrets" ist - wie der Name schon sagt - voller Geheimnisse. Diese beziehen sich dabei mitnichten nur auf Hauptprotagonist Ben und seine Geschichte, wobei diese allein schon bedauernswert und geheimnisvoll genug erscheint. Als kleiner Junge musste er miterleben, wie sein älterer Bruder auf kuriose Weise ermordet wurde. Einige Jahre später bringt sich dann noch seine Mutter aus heiterem Himmel um. Heute ist Ben Journalist und schreibt über mysteriöse Mord- und Todesfälle. Nur mit dem Fall seiner eigenen Geschichte will er sich zunächst nicht so wirklich auseinander setzen. Dann werden eines Tages verschiedene Ereignisse ins Rollen gebracht und für den Leser decken sich diese "12 Geheimnisse" auf. Diese betreffen diverse Personen in Bens Umfeld und in seiner Heimatstadt. Autor Robert Gold wählt zudem verschiedene Zeitebenen, auf denen er die Geschehnisse in Rückblicken und im Jetzt erzählt. Alles etwas verwirrend, muss ich gestehen. 
Ich hatte Glück, ich konnte "Twelve Secrets" relativ gut an einem Stück lesen ohne größere Unterbrechungen. Ich denke, bei diesem Buch ist man schnell in der Handlung raus, wenn man sie nicht kontinuierlich liest, daher ist das ein wirklicher Rat für alle, die das Buch gern lesen möchten: Lest es am besten in einem Rutsch. Das fällt an sich nicht schwer, denn die Geschichte ist gut und ausreichend spannend, dass ich tatsächlich wissen wollte, wie sich am Ende alles auflöst. 
Durch die vielen Zeit- und Personenperspektiven ist das ganze schnell und dynamisch, zugleich blieben manche Figuren in meinen Augen dadurch aber recht oberflächlich und klischeehaft. Hier und da hätte ich mir mehr Informationen und mehr Zeit zur Entwicklung für einzelne Personen gewünscht. Vor allem für die Polizistin Dani Cash, die irgendwie auch ihre eigene (bemitleidenswerte) Story auf den Leib geschrieben bekommen soll. Genau das gelingt dem Autor meiner Meinung aber nicht wirklich. Dani blieb mir ziemlich fremd, was ich schade fand. Scheinbar ist "Twelve Secrets" ein Reihenauftakt; wenn ich es richtig verstehe, sind mehrere Bücher um Ben Harper geplant. Vielleicht hat dann auch Dani mehr Auftritte und bekommt mehr Raum und Persönlichkeit verliehen. Wünschenswert wäre es.

Insgesamt ein guter Thriller, der zu unterhalten weiß, den man im besten Fall aber ohne große Unterbrechungen lesen sollte, um nicht den roten Faden zu verlieren.  

Freitag, 1. März 2024

Freitagsgedanken: Tage in Venedig

In der letzten Woche war ich einige Tage lang in Venedig, Urlaub machen. Es war ziemlich schön, bis auf die Tatsache, dass ich mir eine dicke Erkältung mitgebracht habe. So kalt war es vor Ort gar nicht, aber vermutlich habe ich auf den Booten auf dem Canal Grande dann doch etwas zuviel Zugluft abbekommen.
In Venedig war ich vor ziemlich genau 20 Jahren schon einmal, allerdings nur für einen Tag. Und an einem Tag sieht man natürlich nicht viel. Wir sind damals von einer Stadtführerin, die uns im Schweinsgalopp durch Venedig geführt hat, zu manchen Sehenswürdigkeiten gebracht worden, ich habe aber eigentlich nur noch verschwommene Erinnerungen an einen unter Wasser stehenden Markusdom im Kopf, den wir auf Brettern durchqueren mussten.

Die Wahrzeichen der Stadt, gesehen von der gegenüberliegenden Insel: der Campanile, der Dogenpalast und dahinter der Markusdom 

Dieses Mal wollte ich unbedingt vorbereiteter sein und mich schon vorher schlau machen, was mich in der Stadt erwarten würde. Venedig ist irgendwie gerade deshalb so besonders, weil diese Stadt so ganz anders ist als jede andere "herkömmliche", die man so kennt. Am ehesten kommt da vielleicht noch Amsterdam dran mit seinen vielen Grachten und Wasserwegen. Aber selbst in Amsterdam gibt es Autos und normale Straßen. Und Unmengen an Fahrrädern. 


In Venedig gibt es keine Straßen, keine Autos und keine Fahrräder. Es ist so schräg, dass in dieser Stadt wirklich alles nur über die Wasserwege funktioniert. Jeglicher Transport, jede Lieferung, jedes Bauteil, jede Müllabfuhr, sogar jede Kläranlagenreinigung - alles wird über Boote erledigt. Wenn man das mal ein paar Tage bewusst miterlebt, wird einem klar, wie entschleunigt diese Stadt tatsächlich ist - und wie hektisch es somit anderswo zugeht. Zugleich ist Venedig natürlich immer überlaufen von Touristen. Ich kann mich nicht davon ausnehmen, ich war ja selbst Touristin die Tage. Aber ich war letztlich ziemlich froh, dass ich jetzt im Februar und nicht erst in Richtung Sommer dort war, denn ich glaube, da kann man keinen Schritt mehr machen vor lauter Menschen. So hatte ich die Möglichkeit, manche Sehenswürdigkeit, viele Gemälde und Kunstgegenstände doch zumindest kurz in Ruhe anschauen zu können, ohne gleich wieder Platz für den nächsten machen zu müssen. 

Blick aus der Seufzerbrücke

Ich fand Venedig toll, wobei mich ja erfahrungsgemäß Kunst, Kultur und Geschichte begeistern können. Um Menschenmengen, Lärm und Party mache ich einen Bogen, ich gehe dann lieber in ein Museum oder schaue mir eine Kirche an, auch wenn ich absolut nicht gläubig bin. Davon gibt es in Venedig ja unzählige. Total begeistert war ich von der Kirche Santa Maria Gloriosa dei Frari, in der man ziemlich beeindruckende Mausoleen und Grabmäler bewundern kann, u.a. von dem Maler Tizian oder dem Architekten Canova, - und ja, mir ist bewusst, wie makaber das klingt. Aber da war ich sehr sprachlos in dieser Kirche und das geht bestimmt vielen Besuchern so. Ziemlich kunst-überfrachtet fand ich dagegen z.B. die Scuola Grande di San Rocco, das Gebäude einer der vielen Bruderschaften, die sich über die Jahrhunderte in Venedig gebildet haben. Darin wimmelt es nur so von Kunstwerken von Tintoretto, und irgendwann kann man sie dann auch gar nicht mehr auseinander halten. Das volle Touri-Programm bekommt man natürlich, wenn man den Markusdom und den Dogenpalast mit der Seufzerbrücke besucht, die Wahrzeichen der Stadt. Viel Geschichte, viel Kunst, viel Drama, aber durchaus interessant. Manche Gebäude machen von außen mehr her als von innen, so ging es mir zumindest z.B. in der Kirche Santa Maria della Salute, von der war ich innen eher enttäuscht, aber von außen sieht sie echt beeindruckend aus. 

Große Kunst, wohin man sieht

Empfehlenswert ist auch definitiv eine Fahrt durch den Canal Grande, die Lebensader von Venedig. Da sieht man alle für Venedig typischen Palazzi, die daran entlang gebaut wurden, der älteste ist aus dem 14. Jahrhundert. Das muss man aber nicht zwingend in einer Gondel tun (voll das Klischee), sondern kann auch bequem in eins der vielen Boote der städtischen Transportlinie steigen, die alle Viertelstunde fahren.
Ich habe jedenfalls viel gesehen und gehört in den 5 Tagen, die ich dort war. Auch lecker gegessen natürlich. Ich habe mir bereits vor der Fahrt überlegt, welches Buch ich als Lektüre mitnehmen würde (mal ehrlich, ich fahr doch nicht ohne Buch in den Urlaub) und habe mich in weiser Voraussicht für einen Roman entschieden, der in Venedig spielt: "Die venezianische Geliebte" von Christi Phillips. Es hat total Spaß gemacht, das Buch vor Ort zu lesen, weil ich genau die Schauplätze, die erwähnt werden, in den Tagen gesehen und selbst besucht habe. Das macht Lesen direkt viel lebendiger. Das Buch ist übrigens auch wirklich nicht schlecht, für alle, die gern schmöker-ige Romane lesen, die zumindest teilweise historisch sind. Hier werden einige reale Geschehnisse um 1617/1618 in Venedig aufgegriffen.

Der Canal Grande (an einem trüben Tag)

Ich könnte noch lange weiter von Venedig erzählen, aber soweit erstmal für heute. 
War schon einmal jemand von euch in Venedig? Was hat euch besonders gut gefallen?

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