Montag, 24. Juni 2019

"Die verlorenen Briefe des William Woolf" - Helen Cullen

Wunderraum Verlag, 2019
20,00 Euro


Handlung:
William Woolf hat den wundervollsten Job der Welt: In einer Londoner Sammelstelle für verlorene Briefe bringt er verirrte Botschaften auf den richtigen Weg. Doch seinen eigenen Weg im Leben scheint er aus den Augen verloren zu haben. Den Traum, Schriftsteller zu werden, hat er aufgegeben, und das Glück ist ihm im Alltag irgendwie abhandengekommen. So kommt es ihm wie ein Wink des Himmels vor, als er bei der Arbeit immer neue mitternachtsblaue Briefe entdeckt, die alle an »Meine große Liebe« adressiert sind. Könnte er selbst gemeint sein? Wer ist die geheimnisvolle Verfasserin, die sich nur »Winter« nennt? William beschließt, der Spur der Briefe zu folgen …


Meine Meinung:
"Die verlorenen Briefe des William Woolf" hätte ein weiterer Schatz aus der Reihe der wunderbaren Bücher aus dem Wunderraum Verlag sein können. Und zugegeben, anfangs war ich auch ziemlich begeistert und gefangen von dieser schönen Romanidee, die die Autorin Helen Cullen da hatte.
Brief-Detektive, die versuchen, verloren gegangene Briefe durch Recherche und Suche doch noch zuzustellen; eine eigens dafür eingerichtete Abteilung in der Londoner Post - und das alles noch nicht zu Zeiten von Internet und Social Media, was die Suche ja irgendwie erleichtern würde. Nein, die Geschichte von William Woolf spielt Anfang der 90er, jene Zeit, als man noch Telefonbücher wälzen oder sich eben selbst auf die Socken zu einer Adresse machen musste, um etwas herauszufinden.
Die Geschichte startet entsprechend auch mit einigen herrlich kuriosen und auch feinfühligen Briefen, die William aus den Massen von nicht zugestellter Post herausfischt. Das tut er mit Leidenschaft und Interesse. Und eines Tages stolpert er über einen besonders besonderen Brief, einen in einem mitternachtsblauen Umschlag, der an "Meine große Liebe" adressiert ist. William verliert sich in diesen Worten, und als es nicht bei einem Brief bleibt, sondern neue dazu kommen, kann er nicht umhin, sich zu fragen, ob nicht vielleicht tatsächlich er selbst gemeint ist mit diesen Worten...?
Allzu gern lässt er sich auf diese Gedankenspielerei ein und sehnt jeden neuen Brief herbei, wohl auch deshalb, weil es in seiner eigenen Ehe mehr als kriselt und alle Zeichen auf Trennung stehen.

Soweit zur schnellen Zusammenfassung, die aber wiederum auch bereits alles relevante aufzählt, was es zu diesem Buch zu sagen gibt. Denn letztlich bin ich ziemlich enttäuscht von dem, was Frau Cullen aus ihrer so tollen und interessanten Romanidee gemacht hat. Wo anfangs noch diese außergewöhnlichen Briefe vorgestellt wurden, verliert sich der Zauber dieser Briefzustellungs-Abteilung zunehmend über die Seiten, weil einfach nicht mehr davon erzählt wird. Nein, fortan wird das Buch eine Erzählung über eine gescheiterte Ehe und die unglücklichen Versuche von William und seiner Frau Clare, zu kitten, was eigentlich gar nicht mehr zu kitten und retten ist. Immer mehr geht es nur um Streits, um Auseinandersetzungen, um das Aneinander-Vorbeileben der beiden. Clare wurde mir von Seite zu Seite unsympathischer und hatte damit bei mir einen sehr schweren Stand, neben der unbekannten geheimnisvollen Verfasserin der mitternachtsblauen Briefe zu bestehen und sich zu behaupten. Damit bekam ich beim Lesen leider überhaupt nicht das, was ich mir erhofft hatte, und auch nicht das, was die Inhaltsangabe vermuten lässt.
Ich hätte William eine romantische Geschichte gegönnt, mit geheimnisvollen Briefe, einer Schnitzeljagd gleich, einer lebensverändernden Suche nach der Briefverfasserin, die tatsächlich nicht erst auf den letzten 20 Seiten des Buches stattfindet. Aber das bietet "Die verlorenen Briefe des William Woolf" leider nicht, und so kommt es, dass ich zum ersten Mal tatsächlich ein bisschen enttäuscht von einem Buch aus dem Wunderraum Verlag bin.

Sonntag, 2. Juni 2019

Lesung: Joël Dicker in Hamburg

Es ist schon ein paar Tage her, dass ich Joël Dicker live in Hamburg sehen und erleben durfte, aber kurz davon erzählen wollte ich dennoch.

Am 22. Mai kam also Herr (oder eher Monsieur) Dicker nach Hamburg, in die Heymann Buchhandlung in Eimsbüttel, um seinen neuesten Roman "Das Verschwinden der Stephanie Mailer" vorzustellen. An den beiden Abenden zuvor war er bereits in Zürich und in München zu Gast. Hamburg allerdings sollte auch schon wieder sein letzter Halt in Deutschland sein, also war ich natürlich glücklich, dass ich mir rechtzeitig Tickets gesichert hatte - denn, wie erwartet, war die Veranstaltung ausverkauft. Als Schweizer aus der französischen Ecke der Schweiz fand die Veranstaltung selbstverständlich in erster Linie auf Französisch statt. Mit dabei war auch deswegen Peter Twiehaus, den man vielleicht aus dem ZDF Morgenmagazin kennt. Er übernahm die Übersetzung der Fragen sowie der Antworten und führte auch sonst sehr locker und unterhaltsam durch den Abend. Da Joël Dicker nach eigenen Angaben auch mal Deutsch gelernt hat, Deutsch mittlerweile aber wesentlich besser versteht als spricht, entstand mitunter ein lustiges Kauderwelsch, weil Herr Twiehaus seine Fragen zunächst immer erst auf Deutsch fürs Publikum stellte, um sich dann an die französische Übersetzung zu machen. Die war dann aber oftmals gar nicht mehr nötig, weil Herr Dicker schon auf Deutsch alles verstanden hatte - und seine französische Antwort folgte dann prompt. 
Joël Dicker selbst las die erste Seite seines Romans auf Französisch vor, was er wohl an den Abenden zuvor nicht gemacht haben soll. Sein Französisch ist natürlich wesentlich schneller und routinierter (als das von Herrn Twiehaus beispielsweise), auch in den Antworten auf die Fragen selbst. Dennoch habe ich (mit meinen nun mehr nur noch kläglichen Französisch-Kenntnissen aus der Schule) zumindest manches gut verstehen können. (Vieles aber auch nicht...) Durch diese Fragen konnte man beispielsweise erfahren, dass Herr Dicker wohl über ein fotografisches Gedächtnis verfügt und sich deswegen gar keine großen Notizen zur Handlung und zu den Figuren seiner Romane machen müsse, weil er alle Fäden im Kopf zusammenführen könne. Aber auch so würde er sich vor dem Schreiben keine groß ausgefeilten Pläne und Plots überlegen und aufschreiben, sondern stattdessen einfach drauf los tippen und dann sehen, wie sich die Handlung entwickele. Denn er meinte, und dieser Punkt hat mir sehr gut gefallen, wenn man sich erst einen großen Plan mit lauter Notizzetteln etc. entwerfen müsse, den man dann beim Schreiben selbst ständig vor Augen haben müsse, um selbst noch durchzublicken - dann sei klar, dass auch der Leser seine Probleme mit dem Verständnis haben würde, und dann sei es keine gute Geschichte mehr. Und dass "Das Verschwinden der Stephanie Mailer" ein guter Roman mit toll ausgedachten Plottwists und verschiedenen Zeitebenen ist, kann ich bestätigen.
Die Lesung von Passagen aus der deutschen Übersetzung seines Romans übernahm Laura de Weck, von der ich - zugegeben - vorher noch nie gehört hatte, die das aber sehr gut gemacht hat. Sehr angenehme Lesestimme, ruhig und eindringlich. Hat mir sehr gut gefallen und den beiden Herren vorne auf der Bühne scheinbar ebenso. 
Am Ende signierte Joël Dicker seine Bücher noch - ebenfalls sehr sympathisch. Ich bin jedenfalls sehr zufrieden und mit klopfendem Fangirl-Herzen ins Hotel und am nächsten Tag nach Hause gefahren... :D
Mein einziges - und leider recht schlechtes, weil verwackeltes und unscharfes, Bild der Veranstaltung gibt´s auch bei Instagram zu sehen:


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