Eichborn Verlag, 2019
24,00 Euro
Handlung:
Helen Franklins Leben nimmt eine jähe Wende, als sie in Prag auf ein seltsames Manuskript stößt. Es handelt von Melmoth - einer mysteriösen Frau in Schwarz, der Legende nach dazu verdammt, auf ewig über die Erde zu wandeln. Helen findet immer neue Hinweise auf Melmoth in geheimnisvollen Briefen und Tagebüchern - und sie fühlt sich gleichzeitig verfolgt. Liegt die Antwort, ob es Melmoth wirklich gibt, in Helens eigener Vergangenheit?
Meine Meinung:
Vielleicht wäre mir "Melmoth" nie in die Hände gekommen, wenn es nicht dieses Cover gehabt hätte. Ich war im Buchladen und ließ meinen Blick so schweifen, eigentlich mit der festen Absicht, KEIN Buch zu kaufen. Dann erspähte ich "Melmoth" und die Elster in mir erwachte und rief "Geh hin!". Das tat ich und dann habe ich mich an diesem glänzenden, glitzernden, schimmernden, dunkelblau leuchtenden Cover nicht satt sehen können. Also musste ich es kaufen, trotz des wirklich stolzen Preises von 24 Euro für ein Buch mit nicht mal 400 Seiten. Das tat ich aber erst, nachdem ich die Inhaltsbeschreibung auf dem Buchrücken las und feststellte, dass dieser Text eine herrlich gruselig-düster-mysteriöse Geschichte vermuten ließ und damit noch einen Grund mehr lieferte, das Buch zu kaufen.
"Melmoth" hat mich dann ein paar Tage lang begleitet, denn irgendwie wollte es mir nicht gelingen, hier konsequent dran zu bleiben. Die Geschichte ist durchaus mysteriös und düster - ja, schon. Gruselig war sie weniger, zumindest in meinen Augen. Und irgendwie konnte ich nicht vermeiden, mit zunehmendem Lesen enttäuscht zu sein. (Was ich angesichts des Covers nicht so erwartet hätte; aber gut, Cover und Geschichte sind halt zwei unterschiedliche Dinge.) Die Geschichte über "Melmoth", wie Sarah Perry sie hier schreibt, ist nicht schlecht. Sie lässt die Fantasie anspringen und sie verbindet gekonnt eine uralte Legende, die man sich hier und da auf der Welt erzählt, mit einem aktuellen Setting und Schauplatz im Hier und Jetzt. Man kann sich die düsteren verschneiten kleinen Gassen in Prag, auf denen Helen unterwegs ist, gut vorstellen. Und man kann sich dank der Erzählung vorstellen, wie eben genau dort in den dunklen Nischen der Gassen eine noch dunklere kleine Gestalt steht - und auf Helen wartet. Das hat schon das Zeug für eine Gruselgeschichte, ohne Frage. Aber der Funke ist bei mir nicht übergesprungen. Und das lag meiner Meinung nach zum einen am sehr distanzierten Erzählstil, der mich eher befremdet als angesprochen hat. Für mich blieb die Geschichte eben nur genau das: eine Geschichte. Das ist komisch, weil sich bei mir beim Lesen meistens ganz von allein das Kopfkino anschaltet und seine eigene Verfilmung des eben Gelesenen startet. Eben so, als würde es vor meinen Augen gerade wirklich passieren. Das war hier nicht der Fall. Hier blieb das alles nur gedruckt auf den Seiten, und besonders schlimm für mich haben es manche Sätze der Autorin gemacht, mit denen sie den Leser direkt angesprochen hat. Hier und da ließ sie einen Satz fallen wie "Und wenn Sie sich genau umsehen, werden Sie die dunkle Gestalt sehen, die unten vor dem Fenster steht und wartet." Vielleicht sollte das den Grusel bewirken, so als wäre es dadurch realer - für mich hat es das aber nur abstrakter gemacht, so als wäre es eine Art Regieanweisung. Komisch.
Die Geschichte von Helen, die in Kontakt mit der alten Legende von Melmoth kommt und fortan selbst von ihr verfolgt wird, hat mich letztlich auch inhaltlich nicht annähernd so überzeugen können wie das Buchcover, muss ich gestehen. Sie ist einfach zu langweilig, zu "wenig gruselig", um so zu tun, als wäre sie doch genau das. Gerade das Ende war meines Erachtens nach gespickt mit allzu offensichtlichen Zufällen und günstig platzierten Vorkommnissen, die man hinterfragen kann - aber in dieser Geschichte vielleicht nicht sollte.
Insofern wird "Melmoth" alleine aufgrund des Buchcovers einen festen Platz in meinen Bücherregalen bekommen, die Geschichte selbst jedoch wird vermutlich kein zweites Mal gelesen.




