Nachdem
Tine und ich euch am
Mittwoch das Buch
"Wörter auf Papier" vorgestellt haben, plaudern wir heute noch ein wenig über das Buch. Wir haben uns Gedanken gemacht und das, was uns zum Buch durch den Kopf ging, diskutiert und notiert.
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Tine: Mir geht es so, dass wenn ich ein Buch gelesen habe
und später daran zurückdenke, ich immer eine Schlüsselszene oder eine Person im
Kopf habe, die mich ganz besonders berührt hat. Was glaubst du, welches Detail aus
"Wörter auf Papier" wird dir in einem halben Jahr ganz besonders
präsent sein und warum?
Caro: Es gibt tatsächlich eine Szene im Buch, die mir sehr
im Kopf geblieben ist. An einer Stelle werden Hauptfigur Victor sozusagen die
Zeitungen "gestohlen", die er eigentlich in der Nachbarschaft
verteilen soll. Victor steht daraufhin vor der Überlegung, ob er sich bei der
Zeitung meldet und Bescheid gibt, damit er neue Exemplare erhält. Dazu müsste
er jedoch dort anrufen. Anstatt aber genau das zu tun - sich also Hilfe zu
holen -, entscheidet er sich lieber dafür, sein eigenes Geld zu nehmen, um
davon neue Zeitungsausgaben zu kaufen und diese zu verteilen. Diese Szene hat
mich irgendwie sehr berührt, weil sie das Stotter-Problem von Victor in seiner
ganzen Bandbreite wiedergibt. Er traut sich wegen des Stotterns nicht, zu
telefonieren, und nimmt es lieber in Kauf, sein eigenes, hart verdientes Geld
wegzugeben, um nicht aufzufallen und andere um Hilfe zu bitten. Dass er dadurch
gleich doppelten Schaden erleidet, fällt ihm offenbar gar nicht auf - oder er
nimmt es einfach hin. Mir hat Victor in dieser Szene unglaublich Leid getan und
ich habe diese Ungerechtigkeit, die er sich selbst einbrockt, weil er sich
nicht zu reden traut, sehr bedauert. Ich denke, dadurch ist mir diese Szene so
sehr in Erinnerung geblieben.
Wie siehst du das denn? Gab es eine Szene oder einen Moment,
an den du dich sehr erinnerst?
Tine: Nein, eine Szene oder einen Moment eigentlich eher
weniger. Ich denke, ich werde mich vor allem an eine der Hauptpersonen, nämlich
an Mr. Spiro erinnern. Er ist einfach ein so toller, gütiger und interessierter
Mensch. Genau so eine Person verdient Victor an seiner Seite. Eigentlich sollte
jeder Mensch einen Mr. Spiro haben, der ihn erst nimmt und in ihm das sieht,
was er tatsächlich ist oder was er einmal werden kann.
Caro: Aber wie realistisch ist so ein "Mr. Spiro",
würdest du sagen? Ich bin beim Lesen des Buches nicht umhin gekommen, mir
manchmal zu denken, dass Victor Glück hat, weil er in so einem wohlwollenden
und freundlichen Umfeld aufwächst. Er erntet zunächst zwar einige merkwürdige
Reaktionen, wenn Leute zum ersten Mal erleben, wie er stottert. Aber dann sind
alle sehr freundlich und nett zu ihm, niemand sagt etwas komisches, drängt ihn
oder macht gar Witze über ihn, auch in der Schule kaum. Das ist natürlich gut
und sehr wünschenswert, da hast du Recht. Aber wie realistisch ist so ein
Szenario? Und vor allem heutzutage? Denkst du, dass diese Art des Miteinanders
und der Unterstützung auch heute noch so greifen würden (das Buch spielt ja
immerhin in den 50ern)? Oder ist es in Zeiten von Mobbing und "unbedingtem
Coolsein-Müssen" nicht eher so, dass jemand wie Victor ein schweres Los
haben würde?
Tine: Diese Frage kann man sicherlich nicht mit einem klaren
Ja oder Nein beantworten. Ich denke, das kommt immer sehr auf die Umstände an.
Natürlich ist so ein Mr. Spiro eher selten. Das kommende Interview mit Vince
Vawter wird ja hierzu auch noch ein paar, wie ich finde, spannende Antworten
geben. Aber ich habe zum Beispiel selbst schon einen stotternden Schüler
gehabt, der absolut nicht geärgert wurde, sondern sehr beliebt war - an der
ganzen Schule. Er war allerdings auch recht selbstbewusst und ich kann mir gut
vorstellen, dass das ein ausschlaggebender Punkt ist.
Caro: Eins der ersten Dinge, die du nach dem Lesen des
Buches zu mir gesagt hast, war, dass es dich ein wenig an "Wer die
Nachtigall stört" von Harper Lee erinnert. Magst du das noch ein wenig
erklären oder weiter ausführen? Glaubst du, das war von Herrn Vawter so
beabsichtigt?
Tine: Zum einen spielen beide Geschichte in den Südstaaten
der USA. Die Handlung findet zwar in unterschiedlichen Jahren statt ("Wer
die Nachtigall stört" spielt in den 30er Jahren und "Wörter auf
Papier" in den späten 50ern), trotzdem sind Farbige in beiden Büchern
nicht gleichberechtigt. Eine Tatsache, die in beiden Geschichten thematisiert
wird. Neben der Atmosphäre ähneln sich die Geschichten auch durch die
stellenweise etwas naive Erzählweise durch Scout bzw. Victor.
Da "Wörter auf Papier" ja sehr autobiografisch
ist, gehe ich aber davon aus, dass dies gar nicht unbedingt die Absicht von
Herrn Vawter war, sondern sich vielmehr so ergeben hat.
Caro: Dass „Wörter auf Papier“ diese Atmosphäre verbreitet,
da gebe ich dir Recht. Ich glaube allerdings auch nicht, dass er bewusst
irgendwelche Parallelen zu anderen Geschichten gezogen hat. Es ist
autobiografisch, er hat es halt selbst so erlebt – und das zeigt, wie sich das
Thema der Schwarzenfeindlichkeit durch die Literatur zieht. Ich denke, es gibt
viele Bücher, bei denen man sich an ähnliche Momente erinnert fühlt.
Tine: Stell dir vor, du würdest im Buchhandel arbeiten und
müsstest dieses Buch einem Kunden mit fünf Adjektiven beschreiben. Welche wären
es?
Caro: Meine 5 Adjektive wären "besonders - unerwartet -
überraschend - emotional - nachdenklich stimmend". Welche 5 Adjektive
würdest du wählen?
Tine: Hmm, ich versuche mich jetzt mal nicht von deiner Wahl
beeinflussen zu lassen, was gar nicht so einfach ist. Ich würde sagen: autobiografisch,
beeindruckend, sensibilisierend, auch-für-Erwachsene-geeignet (hier musste ich
ein bisschen schummeln, was die Zahl der Wörter angeht) und ruhig.
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Wir hoffen, wir haben euer Interesse und eure Neugier für das Buch wecken können. Uns beiden hat es sehr gefallen und zum Nachdenken gebracht - vielleicht ist das Buch ja auch etwas für euch. Und/ oder ihr habt Lust, ein wenig mitzudiskutieren...
Welchen Eindruck habt ihr bisher von "Wörter auf Papier"? Hättet ihr Lust, es zu lesen? Gibt es irgendetwas, das euch besonders dazu interessiert?