Piper Verlag, 2021
22,00 Euro
Worum geht´s?
Cape Haven, Kalifornien. Eine beschauliche Kleinstadt vor dem Panorama atemberaubender Küstenfelsen. In diesem vermeintlichen Idyll muss die 13-jährige Duchess nicht nur ihren kleinen Bruder fast alleine großziehen, sondern sich auch um ihre depressive Mutter Star kümmern, die die Ermordung ihrer Schwester vor 30 Jahren nie verwinden konnte. Als deren angeblicher Mörder aus der Haft entlassen wird, droht das fragile Familiengefüge, das Duchess mühsam zusammenhält, auseinanderzubrechen. Denn der Atem der Vergangenheit reicht bis in das Heute und wird das starke Mädchen nicht mehr loslassen ...
Meine Meinung:
Eigentlich hatte ich gar nicht vor, dieses Buch zu lesen. Rein von der Inhaltsbeschreibung hätte es mich nicht erwischt und auch weil schon so viel darüber erzählt wurde als "neues Jahreshighlight etc.", bewirkt dies bei mir zumeist eher das Gegenteil: nämlich kein Interesse, sondern Ablehnung oder zumindest Vorsicht. Dann habe ich "Von hier bis zum Anfang" aber unerwartet als Leseexemplar zugeschickt bekommen und hatte gewissermaßen "keine andere Wahl", als es zu lesen. Zum Glück!
Ich würde rückblickend nicht sagen, dass es mein Jahreshighlight wird oder eins der besten Bücher, die ich je lesen werde. Nein, das nicht. Aber das Buch hinterlässt Eindruck. Es ist ungemütlich, bewegend und aufrüttelnd, dabei merkwürdig unterhaltsam. Es ist brutal und Krimi-mäßig, ohne dabei wirklich eine Kriminalgeschichte zu sein. Es ist dramatisch, ohne Drama zu sein. Es ist herzschmerzig, ohne kitschig oder Klischee-mäßig zu sein. Nein, es ist echt alles andere als Klischee-mäßig, das steht mal fest, denn eigentlich wird man immerzu überrascht angesichts von Wendungen, die man nicht hat kommen sehen. Tatsächlich steckt man als Leser schnell in einem Sog, weil man einfach wissen will, wie es weitergeht. Trotzdem ist "Von hier bis zum Anfang" ein ungewöhnlich ruhiges Buch, ganz ohne wirkliche Aufregung - sieht man von zwei, drei Szenen mal ab. Viele leise Töne, die mich beim Lesen ganz nachdenklich gemacht haben. Genauso, wie mich manche Dialoge ganz verrückt gemacht haben. Zum einen verzichtet Autor Whitaker gern mal darauf, konkret zu schreiben, wer von zwei Personen da z.B. gerade spricht. Manchmal ist das gar nicht ganz ersichtlich und das hat mich dann irgendwie aufgeregt. Noch mehr aufgeregt haben mich aber auch manche Dialoge an sich, weil sie so lückenhaft sind, Figuren einfach nicht auf gestellte Fragen antworten, sondern einen Augenblick später etwas völlig anderes erzählen. Das passt zum Kontext, ja. Es passt auch zum Buch, weil es hier eben irgendwie auch genau darum geht: dass so vieles nicht gesagt wird, dass so vieles nicht ausgesprochen und thematisiert wird, bis es dann manchmal schon (fast) zu spät ist.
"Von hier bis zum Anfang" ist letztlich die Geschichte von zwei Personen, die durch ein Erlebnis miteinander verbunden sind, wenn auch zu ganz unterschiedlichen Zeiten. Polizist Walk musste vor 30 Jahren miterleben, wie die kleine Schwester seiner Schulfreundin Star ums Leben kam. Dieses Erlebnis wirft seine Schatten bis heute, wo Duchess, die Tochter von Scarlett, mit den Auswirkungen des Todes ihrer ihr völlig unbekannten Tante zurecht kommen muss. Das Drama dieser recht amerikanischen Geschichte nimmt seinen Lauf, als der damalige Täter nach 30 Jahren aus dem Gefängnis entlassen wird.
Insgesamt hat mir trotz aller anfänglichen Vorbehalte "Von hier bis zum Anfang" ziemlich gut gefallen und - wie schon gesagt - Eindruck bei mir hinterlassen. Es ist eine Geschichte, die noch länger in meinem Kopf herumschwirren wird. Was ja nicht jedes Buch schafft.



