Freitag, 21. September 2018

"Wicker King" - Kayla Ancrum

dtv, 2018
16,95 Euro


Handlung:
Lass dich mitnehmen in die Welt von Jack und August! Aber gibt es sie wirklich?
Ein Brand in einer alten Lagerhalle. Am Tatort zwei Siebzehnjährige, einer davon (der vermutliche Brandstifter) mit Verbrennungen, die beide in die Psychiatrie eingeliefert werden. Einige Monate zuvor: In der Schule hängen August und Jack mit völlig verschiedenen Typen rum, privat verbindet die beiden aber seit Langem eine intensive Freundschaft. Doch Jack, Vorzeigeschüler, Spitzensportler, Mädchenschwarm, entwickelt immer stärkere Halluzinationen und driftet mehr und mehr in eine Fantasiewelt ab. In dieser ist er der König, der »Wicker King«, und August ist sein Ritter. Um Jack nah zu bleiben und zu verhindern, dass dieser sich endgültig in seiner Scheinwelt verliert, lässt sich August auf das Spiel ein: Er begibt sich gemeinsam mit Jack in dessen Fantasiewelt hinein und steuert sie beide damit genau auf die Katastrophe zu, die er verhindern wollte.


Meine Meinung:
Erster Eindruck: Holla, da hat sich der Verlag aber nicht lumpen lassen. Das Buch kommt optisch ziemlich beeindruckend daher, mit leuchtenden Mustern auf dem Buchcover und den -deckeln, mit Fotos und Kritzeleien im Inneren, mit dunklem Farbverlauf auf den Buchseiten. Je dunkler die Seite wird, umso schlechter steht es um Jacks Gesundheit und Geisteszustand. Am Ende sind die Seiten schwarz. 
Der zweite Eindruck nach einigen Seiten Lesen ist dann schon weniger euphorisch: Ich komme nicht umhin, die einzelnen (ultra kurzen!) Kapitel ziemlich banal und belanglos zu finden. Die Kapitel mit meistens nicht nachvollziehbaren Überschriften gehen oft nicht über eine Seite hinaus, und das bei ziemlich großer Druckschrift! In den Kapiteln selbst steht eigentlich nicht viel bedeutendes drin. Nichts, was mich begeistert hätte, zumindest. Der Schreibstil ist nichtssagend, die Dialoge flach und ebenso nichtig. Immer, wenn es mal interessant wird und sich zwei Personen in einer Unterhaltung endlich mal einem wesentlichen Punkt nähern - ist das Kapitel vorbei. Irgendwie wird immer nur an der Oberfläche gekratzt. Das hat mich nach etwa 80 Seiten unglaublich gestört. Zudem habe ich bemerkt, dass man absolut nichts verpasst, wenn man nicht jede Seite (und damit nicht jedes Kapitel) liest, einfach, weil nun mal nichts passiert. Querlesen ist also gut möglich. 
Und vielleicht sollte man diese Geschichte hier auch nur quer lesen, denn zumindest mich hat sie unglaublich ärgerlich und wütend gemacht. Aber nicht inhaltlich, sondern weil die Autorin so unbedarft und nachlässig mit einem solchen Thema umgeht und das auf eine Weise umsetzt, die mir völlig gegen den Strich geht. Meine Befürchtung hier ist, dass manche Leser diese Halluzinationen von Jack (und Augusts Reaktion darauf) vielleicht so toll und außergewöhnlich finden könnten, so kurios und ungewöhnlich als Romanidee, dass sie das wirklich Traurige und Gefährliche dahinter gar nicht mehr erkennen. Dass sie Jacks und Augusts Erlebnisse hier nur als "coolen Roman, den ich total spannend fand" erleben. Dass sich manche vielleicht denken "Was für ein Abenteuer!"
Aber dahinter steckt viel mehr, und ich finde, dass gerade August hier überhaupt kein gutes Bild und Vorbild abgibt. Ich finde es beängstigend und unverantwortlich, wie vermeintliche Freunde jemanden, der so offensichtlich akut psychotisch ist, beim Verfall und - ja - letztlich Sterben zusehen! Denn aufs Sterben würde Jacks Situation irgendwann hinauslaufen, wenn August & Co. hier einfach so weitermachen. Es wissen mindestens 4 Personen in dieser Geschichte, dass Jack unter gefährlichen Halluzinationen leidet, und NIEMAND tut etwas! Das ist unfassbar. Alle treffen sich lustig in der Schule oder nachmittags zum "Abhängen" und schauen Jack zu, wie er sich selbst verliert, ermuntern ihn sogar noch dazu. Freundschaft hin oder her, warum sich hier niemand genötigt fühlt, Jack einem Mediziner vorzustellen, ihn ins Krankenhaus zu bringen, untersuchen zu lassen, IRGENDWAS zu tun, weil er so offensichtlich abdriftet - das ist mir unbegreiflich. Zumal es ja auch nicht bei bloßen Halluzinationen bleibt, August selbst driftet in dieser Scheinwelt ja völlig weg, hinterfragt nichts mehr nach Richtigkeit, sondern lässt sich in schräge, illegale und lebensbedrohliche Situationen hineinziehen.
Die Autorin begründet dies in ihrem Nachwort mit "Co-Abhängigkeit" und "Vernachlässigung". Ja, das mag sein. Es gibt solche Fälle, Personen, die niemanden haben, der sich um sie kümmert. Traurig genug. Noch trauriger jedoch, dass Jack hier sehr wohl Personen um sich hat, denen er wichtig ist. Und die einfach nur aus den falschen Motiven und Selbstsüchtigkeit heraus NICHTS tun.
Das, was hier in diesem Buch beschrieben wird, ist somit einfach krank. Das finde ich zum einen, weil ich Psychologin bin, im psychiatrischen Bereich gearbeitet habe und einfach weiß, dass man akut psychotische Personen nicht einfach so ihrem Schicksal überlassen und sie in den Halluzinationen lassen darf. Zum anderen habe ich schlicht und einfach meinen gesunden Menschenverstand eingeschaltet! Eine von der Autorin vorgeschobene Abhängigkeit zwischen zwei Personen hin oder her, aber als bester Freund (=August) kann man doch nicht dabei zusehen, wie der andere derart verfällt. Sein eigenes Leben so zu riskieren, nur um den halluzinierenden Freund glücklich zu machen, das bewirkt bei mir echt nur fassungsloses Kopfschütteln und zugleich die Befürchtung, dass manche Leser wirklich "toll" und "außergewöhnlich" finden könnten, was sie hier lesen.

Der "Wicker King" hat mich nicht überzeugt, nicht nur in Bezug auf Inhalt, sondern auch angesichts Sprach- und Erzählstil. Es hat mich wütend gemacht, vielleicht ist das schon was wert. Denn sonst konnte ich aus dem Buch nichts mitnehmen, nur Kopfschütteln über soviel Rücksichtslosigkeit, die darin mitschwingt, und die sich manche vielleicht als Vorbild nehmen könnten, um mal ein Abenteuer zu erleben. 

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