Verlag Freies Geistesleben, 2020
22,00 Euro
Handlung:
Die Geister von Toten suchen Zuflucht bei Lebenden. Makepeace ist ein Mädchen, das sie in ihrem Kopf aufnehmen kann. Doch was geschieht, wenn sie die Kontrolle über ihren Körper übernehmen? Makepeace wird deswegen schon als Hexe verfolgt. Aber wenn sie Bär nicht in sich hätte und all die anderen, würde sie niemals zurechtkommen in diesem brandgefährlichen, vom Bürgerkrieg zerrissenen England des 17. Jahrhunderts. Und im Kampf gegen eine sehr alte, sehr mächtige, sehr unheimliche Familie.
Meine Meinung:
Dies ist mein zweites Buch von Frances Hardinge. Wie schon "Der Lügenbaum" hat mich "Schattengeister" sehr überraschen und sehr von sich überzeugen können.
Zugegeben, der Anfang des Romans ist konfus. Man wird direkt reingeworfen, ohne rechten historischen und gesellschaftlichen Bezug. Und während man als unbedarfter Leser noch überlegt, was für ein ungewöhnlicher Name Makepiece doch ist, steckt man plötzlich schon mittendrin in einer wirklich gruseligen und horrormäßigen Vorstellung: Makepiece (der Name entstammt der Puritaner) ist in der Lage, Geisterseelen in sich aufzunehmen und diese sozusagen neben ihrem eigenen "Geist" in ihrem Kopf leben zu lassen. Das erfährt sie als junges Mädchen und ist fortan gezwungen, mit dieser schrecklichen Fähigkeit zu leben.
Während andere Autoren der heutigen Literaturszene diese Romanidee nutzen würden, um daraus eine starke Heldin zu schaffen, die ihre neue ungewöhnliche Gabe ohne Schwierigkeiten annimmt, die Welt rettet und nebenbei noch den tollen Typen aufreißt, tut Frances Hardinge dies nicht. Sie schafft eine starke Heldin, das schon. Aber sie lässt Makepiece leiden. Sie lässt sie ängstlich und unsicher sein, völlig verschreckt, als sie begreift, was es bedeutet, dass es nicht nur Geister gibt, sondern diese auch in ihren Kopf eindringen wollen, sie für ihre Zwecke benutzen wollen, indem sie sie als Gefäß zum Überleben nutzen.
Diese Angst, die Ablehnung ihrer fragwürdigen Gabe, steckt in jeder Zeile und lässt Makepieces Geschichte genau so wirken, wie sie ist: beklemmend, beängstigend, verstörend. Das fand ich sehr stark gemacht von Hardinge. Eben dieser Ton trägt auch maßgeblich zur gesamten eher düster gehaltenen, dezent verzweifelt-unsicheren Stimmung im Buch bei. Dies liegt nicht nur an Makepiece und ihrer Gabe, sondern auch an den zeitlichen Begebenheiten und den Umständen, in denen "Schattengeister" spielt. Denn was ich zudem an der Geschichte mochte, ist die historische Korrektheit, die hier durchscheint. Die Geschichte spielt in den 1640ern in England - eine Zeit, über die ich eigentlich kaum etwas weiß. All die politischen Unruhen, die Zwists zwischen König und Parlament, zwischen Katholiken und "Puristen" sind themengebend in dieser Zeit und bieten für den Kontext der Geschichte einen wichtigen Rahmen: Karl I. vom Adels-Geschlecht der Stuarts, der gern ohne Parlament, weil Gott-geleitet regieren wollte und damit einen Bürgerkrieg heraufbeschwor. Am Ende ist man historisch gesehen tatsächlich etwas klüger als vorher, und so etwas mag ich in Büchern sehr.
Genau in dieser unsicheren und unruhigen Zeit muss sich Makepiece nun im wahrsten Sinne des Wortes ihren Geistern stellen, wobei sie sich nach und nach mit manchen von ihnen anfreundet oder zumindest eine "mentale" Waffenruhe vereinbart. Um die Feinde, die wirklich bösen Gestalten der Familie Fellmotte, von ihren teuflischen Plänen abzubringen, muss Makepiece auf die Stärken und das Wissen der einzelnen Geister in ihr vertrauen, um sich zu behaupten und sich zu retten. Sie verändert sich und ihre Persönlichkeit sehr im Laufe des Buches, was nicht nur an der vergehenden Zeit liegt, sondern auch an der geistigen Stärke und Reife, die sie nicht zuletzt dank ihrer "Bewohner" erlangt. Das alles geschieht aber glaubhaft und nachvollziehbar - auch eine Stärke von Hardinges Erzählung. Auch zu erleben, wie sie sich letztlich im Umgang mit den Geistern schlägt, war sehr interessant zu lesen.
Insgesamt war "Schattengeister" für mich ein außergewöhnliches Buch mit grandioser Grundidee und gelungener Umsetzung in historisch sehr brisanten Zeiten. Ich finde es durchaus nachvollziehbar, warum dieser Roman für britische Literaturpreise nominiert war, denn er hat fraglos das Zeug dazu, aus der Masse an Jugendliteratur herauszustechen und im Kopf zu bleiben.
Vielen Dank an den Verlag Freies Geistesleben!



Ich bin mir nicht ganz sicher, ob das ganz mein Thema wäre, aber interessant klingt das Buch auf jeden Fall. Mir hat "The Lie Tree" auch sehr gut gefallen und ich wollte daher schon längst weitere Bücher von Frances Hardinge lesen - was ich aber bisher noch nicht getan habe.
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