Berlin/Piper Verlag, 2020
22,00 Euro
Worum geht´s?
Eine Villa zu besitzen – für Cyril steht das für ein besseres Leben. Doch als er von seinem hart erarbeiteten, ersten kleinen Vermögen das hinreißende Holländerhaus kauft, zerbricht seine Welt: Seine Frau erträgt den Luxus nicht und geht. Ein Schock für die beiden Kinder, und Tochter Maeve muss die Mutterrolle für ihren jüngeren Bruder Dave übernehmen. Die Geschwister werden unzertrennlich und sind eigentlich glücklich – bis Cyril wieder heiratet. Die Neue hat zwei eigene kleine Mädchen, denen sie, ganz böse Stiefmutter, das Erbe sichern will, vor allem aber das Holländerhaus ...
Meine Meinung:
Ein Geständnis: Ich habe vorher noch nie ein Buch von Ann Patchett gelesen, ja, kannte nicht mal ihren Namen; "Das Holländerhaus" war mein erstes Buch von ihr. Insofern war ich - zugegeben - leicht eingeschüchtert und verwundert, als ich sowohl auf dem Buchdeckel als auch im Buchinneren bei der Autorenbiografie las, dass Frau Patchett nicht nur schon diverse Bücher geschrieben hat, sondern für diese auch bereits kräftig mit diversen Preisen ausgezeichnet und honoriert wurde.
Interessanterweise hatte ich dann trotzdem keinerlei Erwartungen an das Buch. Und das war wahrscheinlich gut, denn so konnte ich mich gleich mehrfach überraschen lassen. Die erste Überraschung kam, als ich das Geschehen des Romans überhaupt nicht zeitlich einordnen konnte auf den ersten Seiten. Es hätte genauso gut im 18. Jahrhundert wie im Heute spielen können und das fand ich kurios. Das war mir wirklich zunächst nicht klar, zugleich fand ich es gut gemacht, so ins Blaue hinein zu lesen. Erst nach einigen Seiten fallen dann Begriffe und Fakten, die doch eher auf das 20. Jahrhundert deuten. Tatsächlich beginnt die Geschichte in den 1960ern.
"Das Holländerhaus" ist die Geschichte von Danny und Maeve, die nach dem plötzlichen Tod ihres Vaters von ihrer Stiefmutter kurzerhand vor die Tür gesetzt werden. Ganz Märchen-getreu entpuppt sich die Stiefmutter als die egoistische, lieb- und herzlose Gestalt, die ihre eigenen Kinder mit ins Haus bringt, nur um die anderen Kinder rauszuekeln. Das gelingt ihr auch, und in all den Folgejahren, die Danny und Maeve durchleben, wird dieser Rauswurf ihr Leben prägen. Dabei gibt es im Buch eigentlich gleich zwei Hauptfiguren, zwei Stars, wenn man so will. Zum einen das "Holländerhaus" selbst - nicht umsonst ist es titelgebend. Es handelt sich um ein großes, imposantes, vergleichsweise altes Herrenhaus mit Geschichte und Tradition in Philadelphia, voller Stuck, Kunst und großen Räumen. Für manche ein architektonischer Traum, für andere das komplette Gegenteil; so auch für die Mutter von Danny und Maeve, die ihre eigene Familie schon früh verlässt - nicht zuletzt, weil sie das Haus hasst.
Auch Danny ist tief verwoben mit dem "Holländerhaus" und kann und will es zunächst gar nicht glauben, dass seine Stiefmutter ihn daraus verbannt. Das Buch ist aus seiner Perspektive geschrieben, wir begleiten ihn über Jahrzehnte hinweg als Ich-Erzähler. Dabei ist jedoch nicht Danny selbst die treibende Figur in diesem Buch, sondern eigentlich seine Schwester - Maeve. In allem, was Danny tut, sagt, denkt, in jedem Aspekt, der in seinem Leben passiert, scheint Maeves Einfluss durch. Alles, was Danny nach dem Tod des Vaters in seinem Leben macht, macht er letztlich für Maeve, so zumindest scheint es. Daher ist eigentlich Maeve die heimliche Hauptrolle in diesem Schmökerroman; diejenige, die die Fäden in den Händen hält. Diejenige, die das ganze Buch über kein wirklich eigenes Leben zu haben scheint, sondern immer nur im Hintergrund bleibt, und dennoch voll und ganz präsent da ist in Dannys Leben. Auch das Mädchen auf dem Cover ist Maeve, und zwar wirklich. Es handelt sich nicht um ein schon existierendes Gemälde, sondern "Maeve" wurde extra von einem Künstler für den Schutzumschlag des Buches gemalt.
Ich habe sehr gern von diesem besonderem Geschwisterverhältnis gelesen, habe ihr Dialoge genossen und die indirekte Nähe zwischen beiden in jeder Zeile finden können. Ihre Geschichte nimmt einige Wendungen, schöne und unschöne, so wie das Leben nun mal so ist. Das Buch endet dort, wo es beginnt: im Holländerhaus.
Mir hat "Das Holländerhaus" letztlich sehr gut gefallen. Ann Patchett kann toll erzählen, interessante Storyfäden spinnen, diese dann mal aussetzen und sie nach einigen Kapiteln mühelos wieder aufgreifen. Trotz der unterschiedlichen und springenden Zeitebenen im Buch hatte ich nie das Gefühl, etwas nicht verstanden oder gar etwas verpasst zu haben. Das ist schon Kunst, die sie beherrscht. Manchmal jedoch fast ein bisschen zu sehr, denn das Tempo des Buches erscheint durch das recht ausschweifende, teils monologisierende Erzählen hier und da doch recht ausgebremst. Ein bisschen mehr Kürze hätte dem "Holländerhaus" meines Empfindens nach gut getan, aber alles in allem behalte ich diese Geschwister-Geschichte sehr gern im Gedächtnis.
Vielen Dank an den Berlin/Piper Verlag!



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