Samstag, 18. Januar 2020

"Das Earhart Mysterium" - Klaus L. Schulte

Kindle Version, 2011
4,95 Euro


Worum geht´s?
Am 2. Juli 1937 verschwinden die Pilotin Amelia Earhart und ihr Navigator Fred Noonan spurlos irgendwo im Pazifik auf einem der letzten Abschnitte ihrer Weltumrundung. Die offizielle Suche der US Navy, veranlaßt durch Präsident Roosevelt, verschlingt die für damalige Verhältnisse Rekordsumme von vier Millionen Dollar und ist am Ende doch erfolglos. Die Umstände ihres Verschwindens geben bereits 1937 Anlaß zu wilden Spekulationen, etwa Earhart sei in Wirklichkeit mit einem Spionageauftrag unterwegs gewesen und von den Japanern in Gefangenschaft genommen worden. Andere wollen im Radio Earharts Hilferufe von einer fernen Insel aufgefangen haben. Bis heute - mehr als 70 Jahre danach - hat die Suche nicht aufgehört und verschiedene Fraktionen streiten sich über die "wahre" Geschichte von Earhart, Noonan und der verschwundenen Lockheed Electra.



Meine Meinung:
Anfang Januar habe ich mich im "Taschenatlas der abgelegenen Inseln" von Judith Schalansky festgelesen. Dort las ich u.a. von der Howland Insel, einer winzig kleinen Anhäufung von Sand inmitten der unfassbaren Weiten und Tiefen des Pazifischen Ozeans, irgendwo zwischen Papua Neuguinea und Hawaii. Die Howland Insel ist eigentlich nicht sehr viel größer als 2 Quadratkilometer und um sie herum ist Tausende Kilometer in alle Richtungen nichts als Wasser. Tiefes Wasser, um die 6000 Meter tief. Verständlicherweise, auch weil es dort kein Süßwasser gibt, ist sie unbewohnt.
Die Howland Insel hätte wohl nie solch fragwürdige "Berühmtheit" erlangt, wenn sich nicht Amelia Earhart, eine der ersten Pilotinnen weltweit, in den Kopf gesetzt hätte, genau auf dieser Insel Halt zu machen und aufzutanken. 1937 hatte Frau Earhart das ehrgeizige Ziel, als erste Frau allein entlang des Äquators die Erde zu umfliegen. Ein erster Start einige Monate zuvor ging schief und wurde abgebrochen. Ein weiterer Versuch kurz darauf gelang und sollte sie planmäßig am 2. Juli 1937 auf die Howland Insel führen, wo sie landen und mittels eines extra dort stationierten Schiffes ihr kleines Flugzeug auftanken sollte, bevor es weiter über den Pazifik in Richtung Hawaii und dann Kalifornien gehen sollte. Ein hochgestecktes und zugleich unfassbar gefährliches Vorhaben, wenn man bedenkt, welche Möglichkeiten 1937 nur bestanden, um eine unfassbar kleine Insel in einem unfassbar riesigen Ozean zu finden - fliegenderweise in einem zweimotorigen Flugzeug. Geplant war, das Auffinden der Insel und das Landen auf ihr mittels Funkpeilung zwischen Earhart und dem wartenden Schiff zu organisieren.

Ich muss gestehen, ich kannte mich vor dem Lesen (erst des Insel-Taschenatlas´ und dann dieses Buches) nicht wirklich über Amelia Earhart und ihre Lebensgeschichte aus - vor allem aber nicht über die tragischen Umstände ihres Verschwindens. Ich wusste vorher nicht, dass sie bis heute als verschollen gilt, weil sie bei eben jenem oben beschriebenen Flug nicht auf der Howland Insel ankam und bis heute nicht bekannt ist, was aus ihr und ihrem Begleiter, dem Navigator Fred Noonan, geworden ist. Ich war nach der Howland Insel-Anekdote im Taschenatlas neugierig, habe zunächst gegoogelt und bin darauf gestoßen, dass mit ihrem Verschwinden eine Menge an Hypothesen und Vermutungen entstanden sind, bis hin zu den verrücktesten Verschwörungstheorien. So gab es einerseits die naheliegendste und die für viele wahrscheinlichste Variante, dass beide notwassern mussten und über kurz oder lang ertrunken sind, nachdem ihnen der Sprit ausging. Andere vermuten, dass beide Flugzeug-Insassen es auf eine andere Insel geschafft haben könnten und letztlich aber wohl dort gestorben sind - was gestützt wird durch kuriose Funde in den Jahrzehnten nach ihrem Verschwinden. So wurden beispielsweise eine Schuhsohle oder ein Reißverschluss sowie verschiedene Aluminiumstücke und sogar Knochenteile auf einer ebenfalls unbewohnten kleinen Insel etwas entfernt von der Howland Island gefunden. Andere behaupten, Earhart und ihr Begleiter könnten gefangen genommen worden sein. Und noch andere vermuten (natürlich) Außerirdische hinter allem - was sonst?!
So oder so, es gibt viele Vermutungen. Ich bin beim Lesen auf dieses Buch hier gestoßen und habe mich direkt darin festgelesen, weil ich die ganze Story ehrlich gesagt total spannend fand. (Was sicher auch daran lag, dass mir das vorher alles völlig unbekannt war.)
Klaus L. Schulte fängt damit an, Frau Earhart und ihr Leben kurz zu beschreiben, ohne darauf allzu viel Detail zu legen. Das fand ich gut, immerhin ist das hier keine Biografie und es soll um anderes gehen. Es reicht aber, um den Eindruck einer ehrgeizigen Frau zu bekommen, die schon damals wusste, dass Ruhm und Publicity wichtig sind, wenn man erfolgreich sein will. Im Folgenden werden technische Details (z.B. vom Flugzeug) und der Ablauf an bekannten Fakten des Unglückstags 2. Juli 1937 erklärt (immer anhand von Bildern oder Tabellen verdeutlicht), sowie die von mir oben kurz genannten Hypothesen über das Verschwinden ins Spiel gebracht, in Zusammenhang mit Anstrengungen, die in den folgenden Jahrzehnten unternommen wurden, um Earhart/Noonan zu finden. Die verschiedenen, mitunter unglaublich kostspieligen Suchaktionen gehen (in diesem Buch) bis in die 2010er, sind also durchaus als aktuell anzusehen. 
Die möglichen Theorien und Hypothesen über das Verschwinden sind für meinen Geschmack aber ein bisschen zu kurz geraten, hier hätte ich mir viel mehr Details gewünscht. Gerade weil ich vorher schon in einem Wikipedia-Beitrag von der gefundenen Schuhsohle, von verschollenen Skeletten und einer gefundenen Likör-Flasche etc. gelesen hatte, war ich ziemlich enttäuscht, dass genau dieser Teil der gemachten interessanten Funde von Herrn Schulte in seinem Buch ziemlich schnell und ohne jegliche Details abgehakt wurde. Auch die merkwürdige Information, dass Tage nach dem vermeintlichen Absturz einige Personen u.a. in den USA erklärten, sie hätten Earharts Stimme in Funkrufen auf verschiedenen Radiowellen gehört (und davon gab es wohl einige verschiedene, unabhängige Berichte), wird vom Autor völlig kurz gehalten, quasi wie in einem Nebensatz. Das fand ich total schade, denn gerade das hätte mich sehr interessiert und gehört meines Erachtens nach auch detailreich dazu, wenn man sich das Ziel setzt, das "Mysterium" des Earhart´schen Verschwindens in seinem Buch zu besprechen. Dann muss man auch bereit sein, verschiedene Ansätze und Hypothesen darzustellen, so unwahrscheinlich manche auch sein mögen. Herr Schulte ist meiner Meinung nach zu sehr von der einfachen "Sie mussten notwassern und sind bald ertrunken"-Hypothese überzeugt, dass er anderes dafür ein wenig stiefmütterlich behandelt. So fehlte mir hier einiges an ausführlicher Information bezüglich anderer Hypothesen.
Trotzdem ist das Buch aufschlussreich, um einen groben Überblick zu bekommen. Zumindest im Ansatz werden verschiedene mögliche Ausgänge des Dramas besprochen. Dabei gibt der Autor kritische Anmerkungen dazu, welche Voraussetzungen und Wahrscheinlichkeiten vorliegen müssten, damit man von dieser oder jener Annahme ausgehen kann. Geradezu gewagt, aber trotzdem sehr aufschlussreich und interessant fand ich das Kapitel, in dem der Autor die letzten Stunden von Earhart und Noonan fiktiv wie in einem Roman aufbereitet, mit ihren Gedankengängen und allem (natürlich rein spekulativ!) - und dabei zugleich die ganzen technischen Details, die in den Kapiteln vorher geliefert wurden (technische Details zum Flugzeug, die Auflistung der Funksprüche etc.), in ein passendes verständliches und nachvollziehbares Ganzes verpackt, das zumindest mir richtig Gänsehaut beschert hat. Mich hat das wirklich einige Zeit gedanklich sehr beschäftigt.
Am Ende des Buches gibt es einige Info-Materialien und weiterführende Quellen, sowie eine Besprechung des Autors zu einer Verfilmung des Dramas mit Hilary Swank und Richard Gere. (Wusste gar nicht, dass es den Film gibt.)
Was letztlich leider noch etwas negativ auffällt im Buch sind diverse orthografische und grammatikalische Fehler. Viele fehlende Kommas, immer mal "das" mit "dass" vertauscht, andere Rechtschreibfehler. Das kann mal passieren, aber hier waren einige solcher Patzer zu finden, was vermuten lässt, dass da ein abschließendes Lektorat/ Korrekturlesen gefehlt hat. Ich weiß aber auch nicht, ob dies nur in der Kindle-Version der Fall ist, die ich hatte. Das Buch ist auch gedruckt erhältlich.

Als Fazit kann ich sagen, dass ich den Ansatz und den Infogehalt des Buches äußerst spannend, interessant und vor allem auch gut aufbereitet fand. Mich hat das ganze Thema einfach total interessiert und wenn man sich da erste Eindrücke verschaffen will, eignet sich das Buch definitiv. Leider fehlt es meiner Meinung nach aber an vertieften Informationen bezüglich der verschiedenen Hypothesen, auch insbesondere bezogen auf die kuriosen Funde auf benachbarten Inseln in den Jahren nach dem Verschwinden. Da hätte ich mir mehr gewünscht. Dazu kommen die Rechtschreibfehler, die zwar immer mal stören, das interessierte Lesen aber letztlich natürlich nicht mindern.



3 Kommentare:

  1. Amelia Earhart finde ich als Person auch sehr, sehr spannend, eben weil sie eine so ungewöhnliche Karriere hingelegt hat. Allerdings hatte ich wirklich im Hinterkopf, dass inzwischen ein älterer Knochenfund (nach erneuter Untersuchung durch Anthropologen) ihr zugeordnet und damit das Rätsel um ihr Verschwinden gelöst worden wäre. Dank deiner Rezi habe ich deshalb eben noch mal etwas weiter nachgelesen und festgestellt, dass all die begeisterten Zeitungsartikel, die erklären, dass das Rätsel um Amelia Earhart gelöst worden sei, doch etwas ... unkritisch waren. So oder so ist das eine sehr faszinierende Frau gewesen.

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    1. Naja, über die Person "Amelia Earhart" kann ich gar nicht so viel sagen, denn ich habe mit diesem Buch hier ja sozusagen fast nur etwas über ihre letzten Stunden gelesen. Ich hatte kein richtiges Interesse an einer Biografie über sie, muss ich gestehen; aber eine faszinierende Person, vor allem für die damaligen Verhältnisse, war sie sicher auf jeden Fall, schon alleine wegen ihrer Erfolge. Den Eindruck, den ich durch dieses Buch hier von ihr gewonnen habe, war aber tatsächlich eher der einer extrem ehrgeizigen Frau, die gern Erfolge einfahren und diese entsprechend rühmlich bekannt machen wollte. Ein paar Details haben mich da vermuten lassen, dass die schlechte (und überstürzte?) Vorbereitung des Flugs dieser letzten Reiseetappen von ihr vielleicht auch darauf zurückzuführen waren, dass sie unbedingt am 4.Juli, also pünktlich zum Unabhängigkeitstag, wieder in den USA ankommen wollte - also schon irgendwie Publicity-wirksam. Ich weiß nicht, ich bin da nach dem Lesen mit ziemlich gemischten Gefühlen zurückgeblieben.

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    2. Eine ausführliche Biografie habe ich über sie auch noch nie gelesen, aber diverse Artikel, die verschiedene Aspekte ihres Lebens betonten. Ich glaube schon, dass man grundsätzlich über einen gewissen Ehrgeiz verfügen muss, um im Leben so erfolgreich zu sein - gerade zu einer Zeit, in der Frauen ja doch relativ wenig Möglichkeiten offen standen. Ehrgeiz an sich ist ja nichts schlimmes, es wäre aber wirklich traurig, wenn dieser bei ihr zu schlechten Vorbereitungen und dementsprechend zu ihrem Tod geführt hätte.

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