Donnerstag, 2. November 2017

"Ein Mann der Tat" - Richard Russo

Dumont Buchverlag, 2017
26,00 Euro



Handlung:

Eigentlich sollte das Memorial-Day-Wochende für alle Bewohner von North Bath eine Zeit der Ruhe und Besinnung sein. Aber in diesem Jahr ist es, als hätte jemand ungebeten die Büchse der Pandora geöffnet. Chief Raymer, der Leiter der Polizeidirektion, kollabiert auf einer Beerdigung, fällt ins offene Grab und verliert dabei das einzige Beweisstück dafür, dass seine Frau ihn betrogen hat. Die Wand eines Gebäudes, das der impotente Bauunternehmer Carl errichtet hat, stürzt ein. Sein ehemaliger Kontrahent Sully hat alle Hände voll damit zu tun, eine schwere Krankheit vor den Menschen, die er liebt, zu verheimlichen. Und zu allem Übel ist auch noch eine illegal gehaltene Giftschlange entwichen und irgendwo in den Straßen der Kleinstadt an der Ostküste unterwegs.
Chief Raymer, dem es eigentlich am liebsten ist, wenn die Dinge so bleiben, wie sie immer waren, wird aktiv: Er schreitet zur Tat, um wieder Ordnung in das verheerende Chaos zu bringen. Und um dem Mann auf die Schliche zu kommen, der ihn gehörnt hat. Aber auch die anderen Bewohner der Stadt müssen an diesem Wochenende Farbe bekennen und von ihren gewohnten Mustern abweichen ...



Meine Meinung:
Müsste ich "Ein Mann der Tat" in nur einem Wort zusammenfassen, dann wäre es wohl tatsächlich "langatmig". Glücklicherweise habe ich viel mehr Worte zur Verfügung, um dieses doch eher negativ angehauchte "langatmig" zu entkräften und in eine andere Perspektive zu rücken. Um zu erklären, wie ich das meine. Denn die Geschichte ist langatmig, ja doch, das finde ich durchaus. Ich habe eine ganze Weile für das komplette Buch gebraucht, habe auch mittendrin immer wieder Pausen gemacht, es mal mehrere Tage komplett weggelegt, in der Zwischenzeit ein anderes Buch gelesen. Aber - ich bin immer wieder zu "Ein Mann der Tat" zurückgekommen. Und das ist nicht so selbstverständlich bei langatmigen Büchern, wenn ich noch zig andere ungelesene Bücher daneben liegen habe.
Warum also? Warum habe ich es schließlich doch zu Ende gelesen? Das liegt an einer Mischung aus tollen Einfällen, einem unvergleichlichen Sprachstil und der Liebe zu seinen Figuren, die Richard Russo hier wohl ohne Probleme fast 700 Seiten hat füllen lassen. Ich habe selten eine solche detailverliebte Schilderung von Figurenkonstellationen, Personen und deren Eigenheiten gelesen. Richard Russo lässt jedem, aber wirklich jedem seiner Darsteller in seinem Buch Platz und Raum und Zeit, zum Sich-Entfalten, zum Sich-Entwickeln, einfach zum Sich-Äußern. Als Leser bekommt man so genaue Einblicke in deren Leben mit ihren Vorgeschichten, mit all den Schwierigkeiten, Freuden, Höhepunkten und Niederschlägen, um die es aktuell geht. Das hat mich sehr beeindruckt, muss ich sagen. Es ist ungewöhnlich, und es dauert nun mal seine Zeit, bis man sich da durch die Kapitel gelesen hat (Stichwort: langatmig). Aber ich habe nicht eine einzige Seite bereut, sondern vielmehr genossen.
Mittendrin findet man immer mal ganz tolle Sätze, die man erstmal nachschwingen lassen muss; so eine kleine Weisheits-Perle mitten in einem langen Absatz. Toll! Die Story an sich ist gar nicht mal so umfangreich, zusammengefasst passt sie wohl auf eine Seite. Und vor allem ist "Ein Mann der Tat" eine Art Fortsetzung um die Geschehnisse im Örtchen North Bath, um das es bereits in "Ein grundzufriedener Mann" (ebenfalls Dumont Verlag) ging. Das wusste ich vorher nicht, ich kenne auch dieses Vorgänger-Buch nicht, aber "Ein Mann der Tat" kann man problemlos ohne Vorwissen lesen und verstehen. Und das würde ich hiermit auch allen, die sprachlich begeisternde, einen ganzen Ort und seine Bewohner umfassende Romane mögen und dabei ein bisschen Zeit und Ausdauer beim Lesen mitbringen, sehr empfehlen.

Ein herzliches Dankeschön an den Dumont Buchverlag!

2 Kommentare:

  1. Hm, das klingt ganz interessant. Ich mochte die vielen verschiedenen Perspektiven und die Einblicke in das Leben verschiedener Figuren schon in Juli Zehs "Unterleuten" sehr gern. Gut, dass das Buch auch ohne den Vorgänger verstanden werden kann, aber vielleicht fange ich dennoch lieber mit dem an.

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  2. Das von Juli Zeh kenne ich nicht, kann ich leider nicht beurteilen, ob das ähnlich in der Schreibart ist. Aber du kannst ja mal schauen, ob du dich in die Welt von Richard Russo begeben willst, ob nun mit Buch 1 oder 2... ;)

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