Sonntag, 23. Oktober 2011

"Des Teufels Maskerade" - Victoria Schlederer

Heyne Verlag, 2009
14,00 Euro

Handlung:
Prag, in den letzten Jahren der K&K-Monarchie: Hier unterhält Dejan Sirco, Baron und Hauptmann außer Dienst, sein „Bureau für Okkulte Angelegenheiten“. Und das mit gutem Grund, bevölkern doch die unterschiedlichsten und unwahrscheinlichsten Wesen die Goldene Stadt. Unterstützung erhält Dejan von der lebensweisen Dirne Esther, dem ehemaligen Straßenjungen Mirko sowie Lysander Sutcliff, einem Earl, der durch eine Kette unglücklicher magischer Verwicklungen seit Jahrhunderten im Körper eines Otters sein Dasein fristen muss. Der neueste Fall des farbenfrohen Quartetts gestaltet sich diffizil: Es gilt, einen mörderischen Fluch zu ergründen, in dessen Bann ein altes Adelsgeschlecht seit Jahrhunderten steht. Im Zuge der Ermittlungen offenbart sich Dejan, dass weit mehr auf dem Spiel steht, als das Schicksal einer Familie: Denn hinter den Kulissen der bekannten Welt planen Geheimgesellschaften und phantastische Wesen schon lange den Aufstand, der auf die Bühne der Weltpolitik überzuschwappen droht. Der Schlüssel zu alldem liegt ausgerechnet in der Hand des janusköpfigen Felix Trubic, seines Zeichens Geheimagent seiner Kaiserlichen Majestät, der dem „Bureau“ den Auftrag erteilt hatte.

Meine Meinung:
Hui, was für ein gewaltiges Buch... Ich hab mich eine Weile irgendwie vor dem Lesen gedrückt; warum, kann ich mittlerweile auch nicht mehr sagen, vermutlich, weil es beim „mal-eben-reinlinsen“ schon nach schwerer Lektüre mit viel historischem Kontext aussah. Dann hab ich es eben aus diesem Grund aber in meine SuB-Abbau Challenge gepackt, und nun hab ich es mir dann doch zum Lesen geschnappt. Einmal angefangen, hatte ich das Buch auch relativ schnell durch.
Zunächst mal: das Buch ist - obendrein für einen Debütroman - fantastisch geschrieben, ganz echt. Eine so ausgefeilte, pointierte und zeitgeschichtlich korrekte Sprach- bzw. Erzählkunst findet man teilweise nicht mal bei Autoren, die seit Jahrzehnten nichts anderes machen als zu schreiben. (Und die Autorin ist mit ihrem Jahrgang ´85 genauso alt wie ich...) Ich bin an mancher Stelle durch die Absätze geflogen und musste nur immer denken „wow, das klingt echt gut.“ Zudem hat Frau Schlederer partiell einen herrlich ironisch-sarkastischen Humor, der in manchen Äußerungen durchschlägt.
Auch sind die Figuren sehr vielschichtig und außergewöhnlich gestaltet, was den einen oder anderen Charakter besonders liebenswürdig erscheinen lässt (z.B. Esther oder Lysander). Die etwas - nun, sagen wir mal - heikle Vergangenheit zwischen Dejan und Felix gab dem ganzen Geschehen noch das besondere Etwas und diente eigentlich permanent als Antrieb, wissen zu wollen, wie es weitergeht und welchen Ausgang die Geschichte zwischen den beiden nimmt.
Sehr gelungen finde ich auch die wechselnde Erzählperspektive, in der vorrangig aus Dejans Sicht berichtet wird, der Leser aber auch durch Briefe oder Tagebucheinträge wesentliche Informationen geliefert bekommt.

Was mich jedoch wirklich etwas irritiert hat, war die Handlung an sich. Diese ist so komplex, so wirr und verschachtelt, so voller Personen und (historischer) Umstände, dass ich ab der Mitte des Buches tatsächlich ab und zu Schwierigkeiten hatte, allem zu folgen. Gezwungenermaßen musste ich das Buch über einige Tage verteilt lesen, und das ist hier - in meinen Augen - nicht wirklich zu empfehlen. Die Handlung bietet auf jeden Fall einen roten Faden, der sich sehr gekonnt durch die 536 Seiten und einige Aspekte österreicherisch-tschechischer Geschichte zieht. Allerdings kam es zumindest bei mir mehrfach vor, dass ich, nachdem ich das Lesen nach einer Pause wieder aufgenommen hatte, mich fragte „Ist das jetzt in Prag oder Wien?“ oder „Der Herr XY, war der jetzt der Polizist oder ein Arzt?“ Da ich für gewöhnlich kein unaufmerksamer Leser bin, ist mir das hier besonders aufgefallen. Zudem denke ich, dass man einige Bonuspunkte hat, wenn man sich in der Geschichte und Revolutionen dieser beiden Länder zumindest etwas auskennt; für mich waren manche Gegebenheiten hier im wahrsten Sinne des Wortes böhmische Dörfer.
Nichtsdestotrotz habe ich mich beim Lesen gut unterhalten gefühlt und kann nur zu gut verstehen, warum Frau Schlederer den Heyne- Schreibwettbewerb mit diesem Manuskript gewonnen hat. Angesichts dieser Leistung, angesichts dieses Debütromans kann man eigentlich nicht anders als ihr wohlwollend zuzunicken und zu sagen „Weiter so!“ (was in der Fortsetzung "Fortunas Flug", Erscheinungstermin März 2012, wohl auch passieren wird...).

Fazit:
Das Buch ist sicher nicht für jedermann etwas, aber mich hat das Buch vom ersten Moment an gereizt, in dem ich eine Leseprobe davon in der Hand hielt. Sprachlich bewegt sich die Autorin schon unter den ganz Großen, inhaltlich hat das Buch in meinen Augen hier und da klitzekleine Hänger, was durch die Komplexität der Geschichte zu erklären ist. Ich gebe 4,5 von 6 Bücherstapel.

3 Kommentare:

  1. Lieben Dank für die Rezension. Das hört sich wirklich spannend an! :) Historische Romane lese ich besonders gerne.

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  2. Seit die Autorin "Claudia Toman" über "Des Teufels Maskerade" erzählte war ich Feuer und Flamme. Ich könnt mir...
    in den Popo treten, denn ich hab`s immer noch nicht gekauft. Deine Rezension ist toll und zeigt mir, dass ich ein tolles Buch verpassen würde, wenn ich es nicht endlich lese.
    Ein Exemplar, nur ein Exemplar hatte ich mal in der großen .... Buchhandlung gefunden, welches aber leider sehr abgegriffen aussah. Also werde ich das Buch von Victoria Schlederer wohl doch kaufen müssen. Irgendwie komme ich momentan - sowohl mit dem Kaufen, als auch mit dem Lesen - nur langsam voran. Danke für deine Rezension.

    LG,
    Tanja

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  3. Oh, das finde ich ja toll, dass dir der Roman gefallen hat. Ich glaube, den Link zu deiner Rezension muss ich Victoria mal schicken, die wird sie sicher freuen. :-)

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