Mittwoch, 10. Februar 2016

"Jane Austens Northanger Abbey" - Val McDermid

HarperCollins, 2016
19,90 Euro



Handlung:
Lesen ist gefährlich! Zu gern verliert die 17-jährige Pfarrerstochter Cat Morland sich in der Welt der Bücher und träumt von aufregenden Abenteuern. Die sie im ländlichen Piddle Valley niemals finden wird! Doch dann darf sie ihre Nachbarn, die Allens, zu einem Kulturfestival nach Edinburgh begleiten. Wo sie nicht nur unerwartet in Bella Thorpe eine neue Freundin findet, sondern sich in den jungen, aufstrebenden Rechtsanwalt Henry Tilney verliebt. Als Henry und seine Schwester Eleanor sie auf den schönen, aber düsteren Familiensitz Northanger Abbey einladen, geht Cats Fantasie mit ihr durch. Was, wenn hier ein Verbrechen stattgefunden hat? Und tatsächlich wird es für sie gefährlich – wenn auch auf unerwartete Weise.



Meine Meinung:
Val McDermid ist ja eigentlich eher bekannt für ihre Krimis. Davon habe ich auch schon den einen oder anderen gelesen. Neugierig war ich jedoch insbesondere auf ihr neuestes Projekt: das bekannte "Northanger Abbey" von Jane Austen in die Neuzeit zu versetzen und quasi "neu" zu schreiben. Jugendliche Protagonisten, schnelle Autos, Twitternachrichten und kurze Röcke inklusive. Mich hat wirklich interessiert, wie die Autorin diese Geschichte, die ja immerhin schon aus der Jahrhundertwende vom 18. zum 19. Jahrhundert stammt, wohl in die Neuzeit verpacken würde.
Leider ist ihr Vorhaben in meinen Augen nicht geglückt. Schuld daran sind verschiedene Punkte, allem voran aber die Tatsache, dass man diese (fürs heutige Verständnis) fast "unmodern" anmutende Geschichte einfach nicht ohne weiteres ins Heute versetzen kann. So sehr die Autorin an manchen Stellen auf das Original bedacht ist (Personennamen, Schauplätze, Handlungsstränge), so sehr scheitert das Unterfangen an den zugrunde liegenden Tugenden und Konventionen. Man kann die moralischen und gesellschaftlichen Vorstellungen von damals nun mal nicht mehr mit heute vergleichen. Eine Frau muss heute nicht mehr hoffen, dass ein wohlhabender Mann vorbei kommt und sie heiratet. Man braucht heutzutage nicht mehr die Erlaubnis und das Wohlwollen des Vaters, um zu heiraten. Man muss nicht mehr zwingend bis zur Heirat warten, bis man eine Beziehung auf eine tiefere Ebene (sprich: ins Bett) bringen kann. Und aus dem Grund muss man sich heute auch nicht mehr zwangsläufig schon nach 1 Woche verloben. Und genau diese Punkte hat Val McDermid aber nach wie vor versucht, in ihre Geschichte einzubauen. Das ist einfach nicht stimmig, wenn hier über Facebook mal eben geflirtet oder Schluss gemacht wird, und die Figur Isabella Thorpe gleichsam schon nach wenigen Tagen gemeinsamer Bekanntschaft erklärt, sie und James hätten sich verlobt und würden sich jetzt ein Häuschen suchen. Auch erschienen mir manche Dialoge und Reaktionen der Protagonisten aus diesem Grund aufgesetzt und nicht nachvollziehbar, weil übertrieben. Was um 1800 herum vielleicht noch verständliche Äußerungen waren, wirkt hier in der Jugendsprache nur fehlplatziert und gewollt. Ich zumindest habe hier keiner Figur einen ernsthaften Dialog abnehmen können. 
Was mich letztlich ebenso genervt hat, ist Catherines absolut übertriebene und nicht nachvollziehbare Besessenheit von Vampiren. Wahrscheinlich weil die Autorin zu sehr an "Twilight" gedacht hat und auch ihre Heldin Cat dieses Buch verschlungen hat, muss dieses Thema hier offenbar totgetreten werden. Cat vermutet in der gesamten Familie Tilney Vampire, augenscheinlich weil sie so geheimnisvoll sind und in einem geheimnisvollen Haus wohnen. Und weil Vater Tilney ein ziemlich ungemütlicher Mensch zu sein scheint. Begründung genug, um davon auszugehen, dass alle Tilneys Vampire sind. ??? Und Cat wird nicht müde, diese (sorry) dämliche Vermutung immer wieder anzubringen im Buch. Das war schon irgendwann nicht mal mehr mit einem kleinen Augenzwinkern zu verkraften, das hat einfach nur genervt und überhaupt nicht in den Kontext gepasst. 
Letztlich bleibt mir daher nur das Fazit, dass das Vorhaben von Val McDermid in meinen Augen nicht gelungen ist. Ich habe mir insgesamt viel mehr erhofft und hätte mir eine wirkliche "neuzeitliche" Geschichte gewünscht, in der die alten von Jane Austen gelegten Handlungsstränge untergebracht werden, ohne dabei völlig ins Lächerliche abzudriften.


Ein herzliches Dankeschön an HarperCollins und Krystyna Swiatek/ Viktoria Hahn von Literaturtest für das Rezensionsexemplar!

3 Kommentare:

  1. Danke! Du hast mir die Entscheidung abgenommen, so rein theoretisch betrachtet dachte ich, das könnte durchaus interessant sein und hatte es auf meine Liste gesetzt. Aber deine Argumentation ist logisch und nachvollziehbar."Man kann die moralischen und gesellschaftlichen Vorstellungen von damals nun mal nicht mehr mit heute vergleichen." Ich glaube, genau das ist der Knackpunkt.

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  2. Ja, ich würde jedem Interessierten empfehlen, mal in die Leseprobe reinzulesen. Da bekommt man schon einen kleinen Eindruck, die das Buch so ist. Wobei ich den Anfang noch ganz ok fand, erst als Cat dann wirklich in Edinburgh ist, wird´s zunehmend albern. Mein Fall war es einfach nicht.

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  3. Ich denke, wenn man so einen Roman in die heutige Zeit setzt, dann kommt man nicht drumrum, die Handlung auch stärker zu ändern. "Clueless" als Emma-Adaption etwa finde ich herrlich. Dagegen habe ich einmal eine moderne Umsetzung von "Frühlingserwachsen" gesehen, die überhaupt nicht funktioinert hat.

    Catherines Begeisterung für Gothic Novels und ihre Einbildung, dass es in Northanger Abbey ein dunkles Geheimnis gäbe (wenn auch keine Vampire), fand ich ja im Original sehr schön und witzig umgesetzt. Schade, dass auch das in der Adaption nicht recht funktioniert hat.

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