Mittwoch, 4. November 2015

"Die erstaunliche Wirkung von Glück" - Susann Rehlein

Dumont Buchverlag, 2015
18,00 Euro



Handlung:

Dorle lebt im Souterrain eines herrschaftlichen Hauses, in dem sonst nur wohlhabende, knarzige alte Leute wohnen. In Heimarbeit steckt sie für eine Kronleuchtermanufaktur Kristalle zusammen. Und sie lässt sich von ihren Nachbarn als Concierge missbrauchen, obwohl sie gar nicht die Concierge ist.
Doch Dorle ist genügsam und zufrieden mit ihrem Leben. Ganz im Gegensatz zu Annegret Sonne, vierundachtzig und voller Lebenslust. Als Frau Sonne sich zu einer dreimonatigen Reise aufmacht, bittet sie Dorle, ihre Wohnung zu hüten. Schnell wird klar, dass es sich hier nicht um eine gewöhnliche Wohnung handelt. Sie hat angeblich eine Aura, es lebt ein Kater darin, der Dinge kann, die normale Kater nicht können und per Fax treffen Aufgaben für Dorle ein, die sie an den Rand des Wahnsinns bringen. Sie muss zum Sport, zu jemandem unfreundlich sein und kochen. Sogar Dates hat sie plötzlich. Gut, die Männer sind alle über achtzig, aber sie verstehen etwas von der Liebe. So hat Joe, Dorles einziger Freund, alle Hände voll zu tun, um im Rennen zu bleiben. 



Meine Meinung:

"Atmen ist echt eine unterschätzte Sache. Und Fühlen kommt quasi unweigerlich hinterher. Da muss man drauf vorbereitet sein. Testen Sie das mal." (S. 250)

So richtig wusste ich nicht, worauf ich mich bei "Die erstaunliche Wirkung von Glück" einlasse. Aber die Inhaltsangabe klang so nett und heimelig, dass ich direkt neugierig auf das Buch geworden bin. Und enttäuscht wurde ich keinesfalls. Das hier ist die Geschichte von Dorle, die recht einsam lebt und eines Tages, dank dem Zutun lieber Menschen in ihrer Umgebung, beginnt die Welt von ihrer schönen Seite kennenzulernen.
Dorle ist ein naiver Gutmensch, der jedem alles recht machen möchte, und über diese ganze Hilfs- und Aufopferungsbereitschaft vergisst sie sich glatt selbst. Denn eigentlich ist Dorle nicht wirklich glücklich. Ihr geht es zwar gut und sie kommt gut mit sich selbst aus. Aber ist diese kleine miefige Wohnung wirklich alles, was sie erwarten darf? Das Zusammenschrauben von Kristallteilen für Kronleuchter wirklich der Traumjob, der für Dorle vorgesehen ist? Freunde hat sie eigentlich nicht. Und Jo? Ist das, was sie erlebt, wenn er in ihrer Nähe ist, vielleicht wirklich diese Verliebtheit, von der so viele reden?
In Dorles Leben gibt es viele Baustellen, von ihrem speckigen abgetragenen Kleid angefangen bis hin zu ihrer Vorliebe für Pralinen, von der sie nichts ahnt, bis sie mal welche geschenkt bekommt. Eigentlich könnte man ihr Leben als traurig, als unzureichend und als leer ansehen - auch wenn Dorle stets und ständig versucht, das Beste daraus zu machen. Sie kennt es ja auch nicht anders. 
Trotzdem hatte ich so meine Probleme mit Dorle und eigentlich eher selten Mitleid mit ihr. Wenn ich Dorle als reale Person kennen würde, würde ich sie mal schütteln und sagen "Mädel, mach doch mal die Augen auf! Das Leben steht vor dir!" Sie tut sich selbst so schwer, andere an sich ran zu lassen, möchte gern jedem gefallen und mit niemandem Streit. Doch sie steht sich immerzu selbst im Weg, stößt lieben Menschen, die ihr helfen wollen, vor den Kopf, und ändert ihr Einstellungen zu Menschen und Dingen fast jeden Tag neu. Ich fand sie manchmal richtiggehend anstrengend, weil sie wankelmütig und unentschlossen daherkam. 
Zugleich ist ihre Geschichte liebenswert und irgendwie auch herzerwärmend. Man würde sich wünschen, dass es irgendwo wirklich so gute Seelen gibt, die einer einsamen jungen Frau auf die Beine helfen wollen, wie es hier Dorles Nachbarin Frau Sonne tut, die Dorle die Augen für die schönen Dinge des Lebens öffnet. Ein bisschen kam mir die Geschichte wie eine Mischung aus "Die fabelhafte Welt der Amélie" und "Frühstück bei Tiffany" vor. Mit ein paar kleinen Längen im Mittelteil, die vor allem Dorles Unentschlossenheit zu schulden sind. Aber dennoch eine lesenswerte Geschichte, die einem nahelegt, dass das Leben viel mehr bereit halten kann, als man manchmal vermutet.


Ein herzliches Dankeschön an den Dumont Buchverlag!

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