Montag, 12. Oktober 2015

"Die Sehnsucht des Vorlesers" - Jean-Paul Didierlaurent

dtv, 2015
14,90 Euro

Lese-Bingo: Einen Bestseller (aktuell oder ehemals) -> Spiegel-Bestseller Oktober 2015


Handlung:
Guylain Vignolles liebt Bücher und hasst seinen Job in einer Papierverwertungsfabrik. Darum liest er jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit im Regionalzug um 6 Uhr 27 laut ein paar Seiten vor, die er am Tag zuvor der Schreddermaschine entrissen hat: sein ganz persönlicher Akt der Rebellion gegen die Vernichtung von Literatur.
Eines Tages entdeckt er im Zug einen USB-Stick, auf dem das Tagebuch einer jungen Frau gespeichert ist. Tief bewegt liest er nun ihre Geschichten vor – und der Zauber springt auch auf die Mitreisenden über. Viel wichtiger aber noch: Die Geschichten verändern Guylains Leben von Grund auf. Er muss diese Frau finden!


Meine Meinung:
"Nur mal kurz reinlesen" war mein eigentlicher Gedanke, als ich mir das Buch zur Hand nahm, neulich auf einer Zugfahrt. Eigentlich wollte ich nämlich ein ganz anderes Buch lesen und hatte dieses hier nur zusätzlich dabei (mit nur einem Buch verreisen - undenkbar!). 
Und dann? Dann konnte ich hiermit nicht wieder aufhören. Ich war - und das ist nicht übertrieben - schon nach 2 oder 3 Kapiteln in diese Geschichte verliebt. Vielleicht lag das ein bisschen am französischen Charme, der auf so vielen Seiten durchblitzt. Vielleicht auch an Guylain, der mir ein wenig Leid tat und zugleich durch seine kauzige Art sehr sympathisch war.Vielleicht durch die Art und Weise, wie Guylain ein Liebhaber des geschriebenen Wortes par excellence ist - und dennoch einen der für ihn schrecklichsten Jobs überhaupt ausführen muss. Er arbeitet in einer Papier-Verwertungsfabrik und muss tagtäglich dabei zusehen (schlimmer noch: er muss die Maschine bedienen!), wie tausende Bücher zerrissen, zerstört, ausgelöscht werden. Eine schlimme tägliche Aufgabe und er macht sie trotzdem. Seine Form des Widerstands: Jeden Tag in der Bahn liest er übrig gebliebene und von ihm heimlich gerettete Buchseiten laut im Zug vor. Schon nach kurzer Zeit hat er jede Menge zuhörende Fans, die ihn auch außerhalb der Zugfahrten für Lesungen engagieren möchten. Zudem hat er wunderbar schrullige Freunde, die so schräg gezeichnet sind, dass man sie schon als abwegig abtun könnte. Aber zugleich passen sie einfach wie die Faust aufs Auge in diese Geschichte und in Guylains Leben.
Dieses Leben wird nun für ihn auf einmal spannend, als er eines Tages einen USB-Stick mit selbstgeschriebenen Texten einer jungen Dame findet, die er kurzerhand auch im Zug vorliest. Mit jeder Seite wächst sein Interesse an dieser Frau, die irgendwie genauso kauzig zu sein scheint wie er. Guylain nimmt sein Leben und seinen Mut in die Hand und versucht, sie zu finden.
Und es war einfach so allerliebst, ihm dabei "zuzulesen", wie diese Frau mehr und mehr Raum in seinem Kopf einnimmt, wie er versucht, sie zu finden. Man wünscht Guylain so sehr ein wenig Glück und Aufheiterung in seinem kleinen grauen unbedeutenden Leben, das er mit einem Goldfisch teilt.

Ich habe diese Geschichte sehr gemocht beim Lesen und konnte das Buch letztlich auch nicht aus der Hand legen, bis ich wusste, wie es endet. Und dann klappte ich es mit einem Lächeln im Gesicht zu. Ein - in meinen Augen - richtiges "Wohlfühlbuch", das bei mir zur genau richtigen Zeit kam. Es wundert mich überhaupt nicht, dass die Geschichte verfilmt werden soll, wie ich im inneren Klappentext gelesen habe. Denn schon beim Lesen glaubt man, dem Vorleser Guylain richtiggehend dabei zuschauen zu können, wie er sein Glück findet.


8 Kommentare:

  1. Das klingt wirklich schön, allerdings mag ich französische Bücher, denen man das Französische auch anmerkt so gar nicht, genauso wie französische Filme. Schade, dann ist das Buch vermutlich doch eher nichts für mich.

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  2. Schade, dass du es nicht wenigstens probieren willst. Du verpasst echt was.

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  3. Tine, ich bin grad sehr froh, dass ich nicht die einzige bin, der es mit französischen Büchern und Filmen so geht. ;-) Trotzdem klingt der Roman sehr nett. Leider bin ich in einer Rezension über eine Sache gestolpert, die mich massiv stören würde, daher weiß ich noch nicht, ob ich es wirklich lesen will. Vielleicht, wenn es mir mal in der Bücherei unterkommt.

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  4. @ Neyasha: Welche Sache meinst du? Oder, wenn du das nicht sagen kannst, welche Rezension hast du denn gelesen? Das interessiert mich jetzt doch... Übrigens hab ich mit manchen französischen Geschichten und Filmen auch so meine Probleme. Und da bin ich froh, dass dieses Buch hier anders ist.

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  5. Ich habe eine Kritik gelesen, dass der Haupttext, die geretteten Seiten und die Tagebucheinträge vom Stil her gleich klingen. Ich weiß nicht, ob das stimmt, aber so etwas stört mich einerseits und andererseits würde es nicht wirklich für das schreiberische Können des Autors sprechen.

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  6. Ok, den Einwand versteh ich. Allerdings sind zumindest die Briefe der jungen Dame, die Guylain eines Tages findet, meines Empfindens nach anders im Stil als die Sachen, die er sonst so vorliest. Denn die Dame ist recht schnodderig und direkt. Die anderen Texte und geretteten Buchseiten ... ja, das kann sein, dass die sich im Grundton ähneln. Aber das hat mich beim Lesen nicht gestört.

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  7. ...hört sich nach einem richtig tollen Buch an, das werde ich mal auf die imaginäre Wunschliste setzen. Schön verfasste Rezi dazu

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  8. Das klingt nach einem richtig tollen Buch! Die französischen Bücher, die ich bisher gelesen habe, haben mir ausnehmend gut gefallen, daher bin ich nur umso neugieriger auf dieses hier. Danke für den schönen Tipp.

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