Mittwoch, 26. August 2015

"Das gläserne Meer" - Josh Weil

DuMont Verlag, 2015
24,99 Euro



Handlung:
Die Zwillinge Jarik und Dima sind von Geburt an unzertrennlich. Nach dem Tod des Vaters wachsen sie auf dem Bauernhof ihres Onkels auf, die Tage verbringen sie in den Kornfeldern und die Nächte im Bann der mythischen Geschichten aus dem russischen Sagenschatz. Jahre später arbeiten die Brüder Seite an Seite in der Oranzeria, dem gigantischen Gewächshaus, das sich hektarweit in alle Richtungen erstreckt. Dieses gläserne Meer wird von im Weltall schwebenden Spiegeln beleuchtet, die das Sonnenlicht rund um die Uhr auf die Erde werfen ein künstlich geschaffener ewiger Tag, der die Produktivität der Region verdoppeln soll. Bald ist die Arbeit das Einzige, was sie verbindet: den robusten Jarik, verheiratet und Vater zweier Kinder, und Dima, den Träumer, der allein bei der Mutter lebt. Doch eine Begegnung mit dem Besitzer der Oranzeria verändert alles: Während Dima sich ambitionslos dahintreiben lässt, wird Jarik immer weiter befördert, bis sie schließlich zu Aushängeschildern gegensätzlicher Ideologien werden. Das gläserne Meer ist ein großer Roman über den Preis unserer Träume und Ideale, hochpoetisch und angefüllt mit der Magie russischer Märchen.


Meine Meinung:
Auf "Das gläserne Meer" bin ich neugierig geworden, weil es eine eigenartige Mischung aus futuristischen Details und traditionellem Glauben sowie eben "russischen Märchen" versprochen hat. Ganz genau das habe ich auf den Seiten zwar nicht gefunden, aber "Das gläserne Meer" ist dennoch ein außergewöhnliches Buch, wie man es nicht jeden Tag in der Hand hat.
Es ist die Geschichte über zwei Brüder, Zwillingsbrüder sogar, deren innige Verbundenheit durch das Leben und an der Notwendigkeit, sich dem gesellschaftlichen System unterzuordnen, zu zerbrechen droht. In der Stadt, in der die beiden aufwachsen, wird durch eine neuartige Technik des Lichteinfangens ein riesiges Gewächshaus derart bewirtschaftet, dass sich die Produktivität ins Unermessliche steigert und der Region zu ungeahntem Erfolg verhilft. 
Diese Technik und damit verbunden der Handlungsrahmen des Buches erscheint zunächst merkwürdig futuristisch, bis man durch verschiedenen Anspielungen versteht, dass dieser Roman keinesfalls in der Zukunft spielt, sondern eher im Hier und Jetzt. Es ist nur eine anderes Russland, das hier beschrieben wird. Ein Stadt, die durch eine neue und sehr innovative Form des Wirtschaftens auf sich aufmerksam macht.
Um diese Produktivität aufrecht erhalten und um die vielfach gesteigerte Ernte einfahren zu können, ändert sich zwangsläufig das Leben der Menschen in Petroplawilsk. Es gibt keine freien Wochenenden mehr, keine Ferien, keine freien Tage; und der Arbeitstag beträgt gut 18 Stunden, die in Schichten abgeleistet werden. Denn es gibt ja keine Nacht mehr, es ist immer hell, immer sonnig, immer produktiv. Ein eigenes Leben mit Wünschen und Träumen, Freizeit und ein persönliches Ausleben sind nicht mehr möglich in dem neuen System. 
Das führt zu unterschiedlichen Lebenskonzepten bei den beiden Brüdern. Jarik steht mit beiden Beinen auf dem Boden der Tatsachen, geht voll auf in seiner Arbeit, begeistert sich für das produktive System der Ernte und wird nach und nach sogar zum Vorzeigearbeiter und Musteraufsteiger. Dima dagegen ist der träumerische der beiden Brüder, hat noch Wünsche und Vorstellungen von seinem Leben, zitiert Gedichte und Geschichten und hält sich beispielsweise einen zahmen goldenen Hahn als Haustier im Haus, das er sich mit seiner verwirrten Mutter teilt. Für ihn kann das alltägliche stundenlange Arbeiten im Gewächshaus nicht alles sein, was sein Leben ausmacht. Es kommt, wie es kommen muss: die beiden Brüder entfernen sich immer mehr voneinander und leben zunehmend ihre eigenen, so unterschiedlichen Leben.
Mich haben hier vor allem die Beschreibungen der Konsequenzen des produktiven Wirtschaftens erschreckt. Dieses Riesen-Gewächshaus, das rund um die Uhr beleuchtet werden muss - was dazu führt, dass die ganze Stadt keine Nacht mehr erlebt und nie dunkel ist. Die Veränderungen der Umwelt, der Flora und Fauna, das Sich-Anpassen der Menschen, das Akzeptieren, dass nur noch Arbeit und Produktivität wichtig sein kann im eigenen Leben - all das sind Themen, die in Josh Weils Buch zum Tragen kommen. Das schafft der Autor auf erstaunlich poetische und bildhafte Art und Weise. Anfangs war ich völlig überrascht, so ruhige und bildliche Sätze in einem Buch zu finden, das laut Beschreibung eher fantastisch daher kommt. Leider wurde mir der Schreibstil von Weil hier und da zu langatmig und zu ausschweifend, und das ist an sich auch der wesentliche Kritikpunkt, den ich am Buch habe. Die Geschichte der beiden Brüder selbst weiß zu überzeugen, weil sie nachvollziehbar ist. Der Autor schlägt auf ganz poetische Art Verweise zum Kapitalismus ein, übt Kritik und zeigt, was die ausschließliche Orientierung auf Produktivität und Effizienz für den ganz Einzelnen in der Gesellschaft bedeuten kann, anhand der Geschichte von Jarik und Dima. Aber hier und da wurde mir der Roman in seiner Ausführlichkeit etwas zu viel. Ein wenig vermisst habe ich auch die versprochenen Verweise zu den russischen Märchen und Sagen, diese klingen eher nebenbei an, nehmen aber keinesfalls einen größeren Stellenwert ein. Dafür versteht Weil es, Brücken zu anderen bekannten, russischen Autoren zu schlagen, dann beispielsweise, wenn er Dima gern Puschkin zitieren lässt.

"Das gläserne Meer" ist ohne Frage ein ungewöhnlicher Roman, wie man ihn nicht alle Tage liest, wenn er auch nicht ganz meine Erwartungen treffen konnte und mir hier und da ein wenig zu lang geraten erscheint. 



Ein herzliches Dankeschön an den DuMont Verlag!

1 Kommentare:

  1. Das klingt auf jeden Fall interessant und wandert auf meine Wunschliste. Schade, dass Märchen und Sagen nicht so wichtig sind, wie der Klappentext suggeriert. Aber darauf könnte ich mich ja nun dank deiner Rezension schon einstellen.

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