Donnerstag, 23. Juli 2015

Warum Lesen sich nicht mit Karriere verträgt

Eigentlich eine ziemlich fiese und miss-leitende Überschrift, muss ich schon sagen. Aber letztlich bringt sie auf den Punkt, woran ich immer mal wieder denken muss, wenn ich bis zu den Ohren im beruflichen Chaos stecke.
Mit dem "Lesen" aus der Überschrift meine ich das "Lesen zur Unterhaltung". Nicht das berufliche, Wissens-vermittelnde Lesen, das informativ ist und Aufklärung oder Hintergrundwissen liefert. (Oder liefern sollte.) Sondern das schnöde, zur Entspannung gedachte, manchmal richtiggehende 08/15-Lesen, das einen nach dem Arbeitsschluss zuhause erwartet - oder eben auch nicht.

Ich habe jeden Tag eine ganze Menge zu lesen - leider nichts wirklich Unterhaltendes. Vielmehr handelt es sich bei meiner täglichen Lektüre um Fachartikel aus dem psychologisch-medizinischen Forschungsbereich. Seit meinem Uniabschluss, und eigentlich auch schon eine ganze Weile davor, bin ich in der Forschung und Wissenschaft tätig. Das klingt hochtrabend, ist es aber eigentlich gar nicht. Meistens eher langweilig, weil man eben unzählige Stunden vor Laptop und Ausgedrucktem verbringt, lesenderweise. Sich schlau macht, was andere Forschungsgruppen so arbeiten. Versucht herauszufinden, ob es irgendwelche Studien gibt, die vielleicht schon dasselbe/ so etwas ähnliches untersucht haben wie das, was man da selbst gerade plant. Sich durch Lesen informieren will, ob sich schon bestehende Forschungsergebnisse in den Ergebniskontext einbauen lassen, den man selbst gefunden hat. Ob bitte bitte irgendwo irgendjemand auf der Welt einen tollen Satz geschrieben hat, der GENAU DAS unterstützt, was man da selbst in seinen Ergebnissen auf dem Tisch liegen hat.
Ganz ehrlich? Es ist nicht immer aufregend. Oftmals ist es eher recht dröge Arbeit. (Das Wörtchen dröge wollte ich schon immer mal benutzen! :D) Aber es gibt auch andere Augenblicke. Das sind die Momente, in denen plötzlich alles stimmt. In denen die Probanden und Patienten ohne zu Murren und sogar ganz freiwillig und begeistert an irgendwelchen Tests und Computerexperimenten mitmachen und mir so die Daten verschaffen, die ich zum Rechnen brauche. (Manchmal macht es ja auch durchaus richtig Spaß, was wir hier so testen...) Die Momente, in denen die Ergebnisse einer Studie sich ganz wunderbar interpretieren lassen. In denen sich herausstellt, dass man mit dieser Idee, die man hatte, doch völlig richtig lag - weil die Ergebnisse es belegen. Momente, in denen man eine Studie endlich abschließen kann. In denen man sich dann doch irgendwie toll findet, weil man die Zusage erhält, dass der eigene Fachartikel tatsächlich publiziert wird, und man, wenn man ein paar Tage später in der weltweiten Forschungsartikel-Datenbank seinen Namen eingibt, von Stolz getroffen wird, weil da tatsächlich der eigene Name steht. Und dann denkt man sich letzten Endes, dass sich die ganze endlose Leserei von fremden Artikeln doch - irgendwie - gelohnt hat.

Im Umkehrschluss bedeutet das aber für mich, dass ich abends, wenn ich zuhause bin, manchmal einfach keine Lust mehr auf Lesen habe. Nicht nur, weil mir vielleicht ohnehin schon die Augen weh tun. Sondern einfach, weil ich mich dann nicht überwinden kann, jetzt zu einem Buch zu greifen und mich dort noch eine Stunde lang oder so in der Handlung zu verlieren. Lese-Müdigkeit. Das war einfach schon zuviel gelesen am Tag. 

Wenn ich also manchmal abends lesen könnte, habe ich einfach keine Lust drauf.
Wenn ich es mir dann aber zeitlich mal so gar nicht leisten kann, zu lesen - dann würde ich nichts lieber und sehnlicher tun.

Das ist wie früher bei den Abiklausuren oder bei den Prüfungen im Studium. Da habe ich eigentlich immer gerade dann unglaublich Bock gehabt, mich vor die Playstation zu setzen oder meinen Nintendo DS rauszuholen, (irgendwas zu zeichnen, mit dem Hund in den Garten zu gehen, abzuwaschen, Wäsche sortieren, Staubsaugen...) wenn ich in der nächsten Woche eine mündliche Prüfung anstehen hatte. Da war es dann auf einmal viel wichtiger, mal den eigenen Schreibtisch ein wenig aufzuräumen, als die Zusammenfassungen irgendwelchen Lernstoffs durchzugehen. (Blödes schlechtes Gewissen!) Ich glaube, das kennt jeder irgendwie, bis zu einem gewissen Grad:

Wenn man etwas nicht tun darf oder tun sollte, will man es erst recht tun.

Vor einem ähnlichen Dilemma stehe ich in den nächsten Wochen und Monaten. Ich arbeite an meiner Doktorarbeit. Und so langsam komme ich in die heiße Phase, die da lautet: schreiben. Aus den ganzen Studien, an denen ich schon so lange sitze und arbeite, soll schlussendlich auch etwas werden, nämlich eine Promotion. Mit dem Schreiben der Arbeit an sich habe ich weniger ein Problem. Vielleicht bin ich da komisch, aber während andere damals in der Uni beispielsweise total angenervt waren und ständig geflucht haben, als wir unsere Abschlussarbeiten schreiben mussten, saß ich eigentlich ziemlich gern da und habe meine Diplomarbeit getippt. Mir fiel das auch nicht schwer und so hoffe ich, dass es sich bei der Dissertation ähnlich verhält.

Ein Nebeneffekt, den das Tippen und Arbeiten mit sich bringen wird, ist jedoch der Mangel an Lesezeit, den ich auf mich zukommen sehe. Jedes Mal, wenn ich mich am Wochenende mit einem Buch hinsetzen werde, wird sich mein schlechtes Gewissen melden und mir sagen: "Klapp es zu. Schreib lieber!" Dafür tu ich mir jetzt schon Leid (Ja, so ein bisschen Selbstmitleid tut manchmal ziemlich gut...) und ich verfluche die Zeit, die mir zum (just-for-fun) Lesen fehlen wird.

Insofern: ich bin optimistisch, was die Doktorarbeit betrifft, aber zugleich hoffnungsvoll, dass ich meinen Lesekonsum nicht vollständig zurückfahren muss. Schon alleine, um mal abzuschalten und sich nicht nur mit Krankheitsbildern und deren Auswirkungen beschäftigen zu müssen, muss sicher ab und zu - trotz schlechten Gewissens - ein Buch herhalten. Wenn ihr aber mal eine Weile nichts von mir hören solltet, dann stecke ich wohl gerade bis zur Nase in irgendwelchen Fachartikeln.


7 Kommentare:

  1. Das kommt mir sehr bekannt vor! Ich hatte da auch immer Schwierigkeiten, das unter einen Hut zu bringen - und das schlechte Gewissen war sowieso mein ständiger Begleiter.
    Während dem Studium habe ich ja interessanterweise immer ein "Nebenbei-Buch" gebraucht. Das Lesepensum bei Germanistik ist sehr hoch und manchmal schwer zu bewältigen, aber ich habe dann parallel trotzdem immer noch ein Buch nur zum Vergnügen gelesen. Das habe ich wohl auch einfach zum Abschalten gebraucht.

    Ich wünsche dir trotz Fachartikeln und Schreiben in nächster Zeit auch noch entspannende Lesezeit!

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  2. @ Neyasha: Dankeschön :) Das glaube ich gern, dass man ein "Nebenbei-Buch" braucht. Man kann sich beim besten Willen nicht nur mit irgendwelchem fachlichen Kram zuballern, zumindest über einen längeren Zeitraum. Manchmal muss man halt mal etwas "leichteres" nebenher lesen, um wieder auf den Boden der Tatsachen zu kommen, glaube ich.

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  3. Huhu :)

    Ich kann dich verstehen. Wenn man den ganzen Tag Fachliteratur wälzt, hat man abends manchmal einfach keine Lust mehr, sich weiter mit Texten im weitesten Sinne zu beschäftigen. Ist mir auch schon oft genug passiert.
    Die andere Seite ist mir ebenfalls bekannt - ich bin die Königin des Schummelns, Aufschiebens und Selbst-Bescheißens. :D In einer Prüfungs- bzw. Lernphase war für mich schon immer alles interessanter als der Lernstoff. Ich versuche dann meistens, aus den angenehmen Aktivitäten kleine Belohnungen zu machen. "Noch 10 Seiten Notizen scheiben, dann darfst du ein Kapitel lesen", so in der Art. :)
    Für dich hoffe ich, dass du die richtige Balance und Taktik findest, um dem "Müssen" und dem "Wollen" gleichermaßen gerecht zu werden. :D Denk immer dran, wie cool es sein wird, wenn du dich mit DOKTOR vorstellen kannst. :D

    Viele liebe Grüße,
    Elli

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  4. Liebe Elli, dankeschön! Ich weiß nicht, ob ich mich dann (irgendwann einmal) von aller Welt als Frau Doktor ansprechen lasse. Irgendwie schon ein bisschen albern, wenn man kein Arzt ist ;) Aber auf Briefköpfen sieht´s natürlich schon toll aus :D

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  5. Das Studium hat bei mir das Lesen ebenfalls drastisch zurückgehen lassen. Wenn ich mich schon in der Vorbereitung für Vorlesungen und Seminare jede Woche durch mehrere hundert Seiten wissenschaftlichen Text wühlen muss, dann habe ich einfach keine große Lust mehr, zusätzlich noch groß privat zu lesen. Aber ab und zu ist es dann doch sehr entspannend. Insofern bin ich optimistisch, dass du zumindest ab und zu was lesen wird. Macht eben besonders viel Spaß, wenn eigentlich wichtige Dinge zu erledigen sind :D

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  6. Hey,
    da war ich ja immer froh, dass ich meinen Sport als Ausgleich habe. Morgens um 5 aufstehen, bis halb acht lernen, schreiben, dann 2 Stunden trainieren, ausgepowert und glücklich zurück an die Bücher, aufpassen, dass ich nicht einschlafen, weiterlernen. Aber es war auch nur eine Diplomarbeit. Doktor ist ja viel mehr. Whow ... ich glaube, ich könnte mich gar nicht dazu aufraffen so viel Zeit an Computern usw. zu verbringen.
    Ich wünsche dir ganz, ganz viel Durchhaltevermögen und drücke dir die Daumen, dass alles so wird, wie du es dir vorstellst!
    Viele liebe Grüße
    Nanni

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  7. Hey,
    da war ich ja immer froh, dass ich meinen Sport als Ausgleich habe. Morgens um 5 aufstehen, bis halb acht lernen, schreiben, dann 2 Stunden trainieren, ausgepowert und glücklich zurück an die Bücher, aufpassen, dass ich nicht einschlafen, weiterlernen. Aber es war auch nur eine Diplomarbeit. Doktor ist ja viel mehr. Whow ... ich glaube, ich könnte mich gar nicht dazu aufraffen so viel Zeit an Computern usw. zu verbringen.
    Ich wünsche dir ganz, ganz viel Durchhaltevermögen und drücke dir die Daumen, dass alles so wird, wie du es dir vorstellst!
    Viele liebe Grüße
    Nanni

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