Freitag, 3. Juli 2015

"Herr Parkinson" - Richard Wagner

Knaus Verlag, 2015
16,99 Euro


Handlung:
Wie lebt man mit einer Krankheit, die selbst die alltäglichsten Dinge sabotiert? Wie leben die anderen damit? Was bedeutet Krankheit überhaupt? Mit dem unbestechlichen Blick des Schriftstellers erzählt Richard Wagner von seiner Parkinson-Erkrankung. Zunächst ganz zurückhaltend wird dieser gelassene und unberechenbare Herr Parkinson über die Jahre zum schicksalhaften Gegenüber des Autors und erlangt immer mehr Macht über dessen Leben. 


Meine Meinung:
"Die Parkinson-Krankheit hat zwar keinen erkennbaren Plan, aber ein Prinzip. Sie verlangt nicht ausdrücklich die Unterwerfung, doch wo der Parkinson Herr der Lage ist, hat der Erkrankte nicht mehr viel zu sagen." (S. 24)

Als ich auf der letzten Seite von "Herr Parkinson" angelangt war, hatte ich eine Träne im Auge. Eine Minute später habe ich geweint.
Vielleicht bin ich zu sensibilisiert für dieses Thema. Ich arbeite in der Neurologie und habe oft mit Parkinsonpatienten zu tun. Zu oft. Es ist erschreckend, wie viele Menschen diese Krankheit haben. 
Gleichzeitig denke ich, man kann nicht sensibilisiert genug dafür sein. Viele beschäftigen sich ihr Leben lang nicht damit - warum auch, wenn es keinen Anlass gibt? Man kann sich nun einmal nicht mit allem Leid der Welt beschäftigen. Ich weiß, was die Krankheit mit sich bringt, mit welchen Symptomen sie einhergeht, was sie für den Alltag eines Betroffenen bedeutet, welche Mechanismen vermeintlich dahinterstecken. Wenn ich mit den Menschen zu tun habe, erlebe ich sie in ganz unterschiedlichen Momenten. Sie sind gut drauf, sie sind schlecht drauf. Sie sind optimistisch, pessimistisch, haben sich damit abgefunden oder eben auch nicht.
Aber bei keiner der Personen, die ich so oft persönlich treffe, habe ich eine solche Anteilnahme in mir selbst verspürt wie beim Lesen der letzten Seite von "Herr Parkinson". Eigentlich steht auf dieser letzten Seite gar nicht so viel drauf. Aber sie rüttelt auf. Sie bringt in wenigen Worten eine solche Resignation und Niedergeschlagenheit zum Ausdruck - eine Niedergeschlagenheit, die im ganzen restlichen Buch nicht zu erlesen ist. Vielmehr rechnet Herr Wagner vorher seitenweise mit seiner eigenen Erkrankung ab, mit seiner Außenwelt, mit dem Gesundheitssystem in unseren Landen, mit dem allgemeinen Umgang, sobald bekannt ist, jemand hat Parkinson. Er berichtet, wie es ihm seit Auftreten des ersten Zitterns ergangen ist.
Ich habe mich dadurch das ganze Buch täuschen lassen. Herr Wagner erzählt, teils ausschweifend, teils abschweifend; er erscheint zornig, aufgebracht, zugleich verbittert-angeheitert angesichts dieser Situation, dieser Krankheitszuschreibung, die ihm jahrelang zwar hier und da immer mal zusetzt, die doch aber wohl kaum sein Leben bestimmen können wird. Seine Art zu erzählen kam mir aufrührerisch vor, rebellisch, anklagend und vielleicht auch ein bisschen verleugnend.
Das ist die Palette an Gefühlen und Handlungsweisen, die die Krankheit mit sich bringt.
Aber am Ende ... bleibt Herr Parkinson ein treuer Begleiter.


Ein herzliches Dankeschön an den Knaus Verlag!

2 Kommentare:

  1. Das Buch hört sich wirklich interessant an, das werde ich mir mal näher anschauen. :)

    Liebste Grüße
    potpourrioftulips.blogspot.de ♥

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  2. Ohh, soooo schön, die Fische sind wieder farbig! ^_^ Irgendwie habe ich jedoch das Gefühl, dass einer fehlt...

    Schon als du das Buch in einem andern Post kurz erwähnt hast, war meine Neugierde geweckt. Und die Rezension... sehr schön geschrieben. Ich habe keinen Kontakt zu parkinsonerkankten Personen, möchte aber gerne mehr erfahren. Anfang Jahr hatte ich "Still Alice" gelesen, in dem es um Alzheimer geht. Das Buch hat mich tief berührt und mir doch ein wenig die Angst genommen, im Umgang mit Alzheimerpersonen. (Oder von Kunden von denen ich denke, das sie Alzheimer haben könnten.)

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