Montag, 22. Juni 2015

Mein Problem mit dem Präsens

Ich mag Geschichten, die in der Vergangenheit spielen. Das war schon immer so. Wenn ich mich entscheiden müsste zwischen einem Buch, das im Präteritum geschrieben wurde, und einem, das in der Jetzt-Form steht - dann würde ich die Vergangenheitsform wählen. Tatsächlich habe ich im Laufe meines Leserlebens schon ein oder zwei Bücher auch abgebrochen, weil sie im Präsens geschrieben waren und ich das ganz schrecklich und unpassend fand.

Das soll nun nicht heißen, dass ich keine Bücher lese, die im Präsens spielen. Nein, natürlich lese ich auch die. Aber jedesmal, wenn ich ein solches Buch aufschlage und die Zeitform bemerke, ist mein erster, ganz unwillkürlicher Gedanke "Uhh, Präsens". Das kommt mittlerweile von ganz allein.

Woran das liegt? So ganz genau kann ich das gar nicht erklären. Irrationalerweise (gibt es das Wort??) ist es mir lieber, über etwas zu lesen, als wäre es schon passiert und als könne man es ohnehin nicht mehr ändern. Man schlüpft als Leser dann ganz automatisch in die Rolle des Beobachters, der nur noch rückblickend dabei zuschauen kann, wie etwas abgelaufen und geschehen ist. Mir persönlich ist es einfach viel lieber, von etwas zu lesen, dass ich ohnehin nicht mehr beeinflussen kann - weil es schon längst gewesen ist. Das ist an sich ein völlig beknackter Gedanke, ich weiß, denn als Leser kann ich in dem Buch ja ohnehin nichts ändern. Aber kennt ihr dieses Gefühl nicht auch? Ihr lest etwas, seid voll drin in einer Handlung, dann ist es vielleicht auch noch gerade total spannend. Ich würde lügen, wenn ich behauptete, ich hätte nicht hier und da beim Lesen der Figur im Buch schon einmal laut gesagt, sie solle lieber nicht in den Raum gehen/ sie solle lieber warten/ sie solle lieber nicht so dumm sein und jetzt die Treppen HINAUF laufen/ sie solle den Kerl lieber in den Wind schießen etc. Manche Bücher machen so etwas mit einem. (Die sind mir die liebsten...) Und wenn ich mir dann aber zugleich vor Augen halten kann, dass das alles in Vergangenheitsform geschrieben ist, dann kann ich durchatmen und brauche mich nicht aufregen, denn dann ist es ja eh schon passiert und es ist völlig egal, wie sehr ich hier mitfiebere und anfeuere... Das schmälert für mich auch nicht die Spannung, mir das klar zu machen; nein, abenteuerlich bleibt es ja trotzdem.  

Wenn das Buch dagegen im Präsens geschrieben ist, fühle ich mich manchmal wie gehetzt. So als müsse ich jetzt dranbleiben, dürfte nicht mal kurz Pause machen oder das Buch beiseite legen. Nicht umsonst bekommt man dadurch ja den Eindruck vermittelt, man wäre unmittelbar dabei und könne die Figur quasi in Realitätszeit begleiten. Vieles kommt durch die Präsens-Form so auch viel eindringlicher rüber, was letztlich auch ein Vorteil sein kann. (Bei manchen Büchern passt die Jetzt-Form daher auch viel besser.) 
Trotzdem fühle ich mich beim Lesen von Präsens-Büchern nicht immer ganz wohl. Nicht selten habe ich beim Lesen das Gefühl, ich selbst könne noch irgendwas an der Handlung ändern und beeinflussen, wenn ich mich nur schnell genug durch die Seiten lese - denn immerhin passiert das ja gerade noch, während ich es lese. Tatsächlich stelle ich hier einmal die kühne Behauptung auf, dass ich Seiten, die im Präsens geschrieben sind, schneller durchlese, als Seiten, die im Präteritum geschrieben sind. Hat das mal jemand getestet? Das wäre eigentlich eine Aufgabe für mich, die mit Statistik und hypothesen-geleitetem Rechnen ja ohnehin jeden Tag zu tun hat... Aber da ich schon mit der Erwartungshaltung rangehe, dass ich Präsens-Seiten schneller lesen würde, kann ich den Versuch nicht mehr selbst machen. (Das hat mit Messverzerrungen und Versuchsleitereffekten zu tun - wenn sich mal jemand für Statistik interessiert... o.O)

Gleichzeitig kommt das ja auch aufs Buch an, schon klar. Dass ich einen Action-Roman schneller lese (egal ob Präteritum oder Präsens) als ein Buch, das nur Beschreibungen und selbstreflektierte Gedanken des Erzählers beinhaltet, leuchtet ja auch ein. 
Für mich ist es aber eine immer wieder beobachtete Tatsache, dass ich Bücher lieber lese, die in der Vergangenheitsform geschrieben sind. 

Wie geht es euch? Habt ihr schon einmal festgestellt, dass euch eine bestimmte Zeitform in Büchern lieber ist als eine andere? Warum?



7 Kommentare:

  1. Ich bin froh, dass ich nicht die Einzige bin, der es so geht. Ich hasse es, wenn Bücher im Präsens geschrieben sind!

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  2. Den "uuuh-Präsens"-Gedanken habe ich auch immer! :D Früher ging es mir ganz genauso, aber ich habe nie so genau analysiert, woran meine Abneigung dem Präsens gegenüber liegt. Es ist auch nicht so, dass ich es nicht mag oder unpassend finde und ich fühle mich im Gegensatz zu dir auch nicht gehetzt beim Lesen. Vielmehr bin ich es so gewohnt, alles im Präteritum zu lesen, dass mein Gehrin selbst bei Texten im Präsens irgendwann einfach im Präteritum denkt. Ich sehe das Präsens und lese das Präteritum :D Richtig dumm bei Büchern, die die Zeitform wechseln xD
    Auf jeden Fall ist es bei mir wirklich eher Gewohnheit und ich konnte es mir mittlerweile mit ein bisschen Konzetration antrainieren, die Zeitform aufzunehmen, die da steht :D
    Aber bei dir finde ich es richtig spannend - das Gefühl, das du beim Lesen hast, soll ja vielleicht auch gerade erzeugt werden. Und wenn du bei einem Buch so mitgehst, spricht das doch eigentlich für die Qualität. Auch wenn es für dich persönlich anstrengend ist :D

    Liebe Grüße
    MelMel

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  3. Puh, also so ausführliche Gedanken zum Präsens habe ich mir bisher nicht gemacht.^^ Ist aber interessant, was das Präsens mit dir macht. :D
    Wenn ich mich recht erinnere, ziehe ich das Präteritum auch vor - ich glaube aber, dass ich bis jetzt auch selten Bücher im Präsens gelesen habe... Komischerweise sind diese dann wirklich etwas anstrengender zu lesen, wenn ich mich recht erinnere. Man, ich muss da beim nächsten Mal besser drauf achten! ;D

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  4. @ Lena: Hey, das freut mich, dass es jemandem auch so geht wie mir! :D

    @ MelMel: Das finde ich echt interessant, dass du beim Lesen noch so umdenken kannst und "so tun kannst", als würdest du alles in der Vergangenheit lesen. Ich glaube, das wäre mir zu anstrengend - noch anstrengender, als mich mit dem Präsens anzufreunden ;)

    @ BücherFähe: Ja, achte mal beim nächsten Präsens-Buch mal drauf :)

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  5. Ich habe früher nicht gern Bücher im Präsens gelesen, wobei ich das Gefühl hatte, dass es vor allem Gewohnheit war - meistens sind Bücher nun mal im Präteritum geschrieben und alles andere war für mich eher irritierend.
    Allerdings habe ich dann immer mehr auch englische Bücher gelesen und da hat es mich interessanterweise nicht gestört (die Hunger Games wären da ein Beispiel). Seither habe ich auch auf Deutsch hin und wieder mal Bücher im Präsens gelesen und nach ein paar Seiten Eingewöhnung stört es mich dann eigentlich auch nicht mehr.
    Man könnte also sagen, dass meine Probleme mit dem Präsens inzwischen Geschichte sind. ;-)

    Deine Überlegungen dazu, weshalb dich das Präsens stört, finde ich aber sehr spannend. Klingt auch durchaus plausibel, wobei ich persönlich das Gefühl gehetzt zu sein beim Präsens noch nicht hatte.

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  6. Interessante Beobachtung. Klingt auch für mich plausibel und mir stellt sich die Frage, ob das Gefühl, sich gehetzt zu fühlen, vom Autor vielleicht gewollt ist.

    Ich kann mich gar nicht erinnern, wie es mir im Präsens ergangen ist, ich glaube, das kam auf das Buch an.
    Oft trifft man ja nicht auf diese Zeitform in Romanen.
    Sofern es sich um einen guten Autor handelt, schreibt er nicht nur aus Spaß im Präsens, sondern weil es zur Thematik des Buches passt. So gibt es z.B. Geschichten, die allgemein temporeich sind, die vielleicht 400 Seiten umfassen, aber nur an einem Tag spielen. Da würde ich mich am Präsens nicht stören.

    Ich glaube aber auch, dass es etwas mit der Gewöhnung zu tun hat, dass es für unseren Lesefluss normal ist, Bücher in der Vergangenheitsform zu lesen und ein Buch, das plötzlich im Präsens geschrieben ist, vielleicht ein wenig irritiert.

    LG
    http://lesenundgrossetaten.blogspot.de/

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  7. @ Erina: Ja, ich glaube schon, dass manche Autoren bewusst im Präsens schreiben, um Spannung und das Gefühl des "Dabeiseins" zu stärken. Wahrscheinlich sind mehr Bücher in der Vergangenheitsform geschrieben als im Präsens, zumindest würde ich das mal ausgehend von meinen Erfahrungen sagen. Objektiv ist das natürlich nicht ;)

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