Mittwoch, 12. März 2014

"Bäume reisen nachts" - Aude Le Corff

insel Verlag, 2014
12,99 Euro

Handlung:
Seit Monaten verbringt die achtjährige Manon ihre Nachmittage allein, unter einer riesigen Birke im Garten. Sie verschlingt ein Buch nach dem anderen und spricht mit Ameisen und Katzen, nur um an eines nicht denken zu müssen: das spurlose Verschwinden ihrer Mutter. Mit dem eigenen Kummer beschäftigt, vermögen Manons Vater Pierre und ihre Tante Sophie das stille Mädchen nicht zu trösten. Doch Manons Einsamkeit erweicht das Herz des mürrischen Nachbarn Anatole, der, seitdem er nicht mehr unterrichtet, sich von Kindern möglichst fernhält. Sie beginnen, gemeinsam den Kleinen Prinzen zu lesen, und es erwächst eine außergewöhnliche Freundschaft. Als eines Tages überraschend Briefe der Mutter eintreffen, schmieden das Mädchen und der alte Mann einen kühnen Plan, der sie gemeinsam mit Pierre und Sophie auf eine abenteuerliche Reise quer durch Europa führt …


Meine Meinung:
Den Anfang des Buches, der das Kennenlernen zwischen Manon und Anatole beschreibt, fand ich wirklich schön zu lesen. Manon tat mir leid, und zu lesen, dass sie langsam eine Freundschaft zu einem älteren Herrn aufbaut, der gemeinsam mit ihr in "Der Kleine Prinz" liest, war nicht nur nachvollziehbar, sondern auch wünschenswert für sie. Das gegenseitige Aufblühen durch die gemeinsame Zeit sowohl bei Manon als auch bei Anatole erschien dann kaum überraschend.
Dann entwickelt sich die Geschichte jedoch in eine andere Richtung. Manons Mutter meldet sich und eine kleine Gruppe - bestehend aus Manon, ihrem Vater Pierre, ihrer Tante Sofie und Anatole, alles ziemlich merkwürdige Gestalten, die mir durchgängig fremd blieben während der Handlung - macht sich auf die Reise zu ihr. Und mit dieser Reise verändert sich auch das Besondere an dem Buch, denn fortan konnte ich es (= das Besondere) nicht mehr finden. Die freundschaftlichen Bande zwischen Manon und Anatole werden nämlich mehr und mehr von anderen Themen verdrängt, die plötzlich - und scheinbar völlig unpassend in diesem Kontext - zur Sprache kommen. Die Autorin verliert sich meines Empfindens nach auf einmal in völlig anderen Themen, allen voran Transsexualität, Geschlechtsumwandlungen, Religion und Älterwerden sowie diverse andere Themen, die mit Manon und ihrer Traurigkeit - um die es doch wohl eigentlich hier ging - so gar nichts mehr zu tun haben. Ich hatte irgendwann das Gefühl, die Autorin hat ihr Buch genutzt, um sich zu allerlei moralischen Themen schnell mal äußern zu können, ob´s nun passt oder nicht. Und in meinen Augen hat es nicht gepasst.
Letztlich ist es aber auch das Ende des Buches, das mir "völlig gegen den Strich" geht. Denn das ist einfach nur unglaubwürdig hoch zehn. Nicht nur für den Leser, sondern auch für jedes Kind, das sich vielleicht in einer ähnlichen Situation wie Manon befindet, und so ein Happy Ending im wahrem Leben nicht vorgesetzt bekommt. Wenn ich dieses Ende lese, frage ich mich wirklich, wofür die ganzen inhaltlichen Auseinandersetzungen und Diskussionen davor eigentlich gut und von Nutzen waren.

Fazit:
Meine Erwartungen und meinen Geschmack hat "Bäume reisen nachts" nicht getroffen. Zum einen bleiben mir sowohl die Figuren als auch die Geschichte als solche durchgängig fremd. Thematisch driftet die Autorin in meinen Augen ab der Mitte des Buches in zu viele fremde und nicht passende Themen ab, und das unglaubwürdige Ende setzt dem Ganzen noch die Krone auf. 


4 Kommentare:

  1. Hey,

    so, ich habe es nun auch endlich gelesen und bin - ausnahmsweise glaub ich, oder? - mal anderer Meinung als du :D
    Hab gestern auch schon mit Tine darüber gesprochen ;)
    1. Hab ich auf der Reise mehr und mehr Zugang zu den Personen gefunden. Da geht es mir also schon mal anders ;) Anatole mochte ich besonders gern. Manon finde ich zu Anfang eher unglaubwürdiger als später.
    2. Muss denn immer, wenn es mal rührend wird der kleine Prinz zitiert werden??
    3. Finde ich gar nicht, dass die Autorin sich in "neuen" Themen verliert, sondern auf eins hinaus will. So habe ich es zumindest für mich verstanden. Alle sind irgendwie von etwas gefangen. Sophie im falschen Körper, Anatole im Älterwerden und der möglicherweis everpassten Chance sich die richtige Frau zu suchen, Manons Eltern in ihrer Trauer. Es ist wie ein Käfig, wie eine Klammer, die ihnen die Luft zum Atmen nimmt und sie zu erdrücken scheint. Jeder hat auf seine eigene Art - mehr oder weniger gut- geschafft sich daraus zu befreien.
    4. Ich hatte deine Rezi noch nicht gelesen, aber ich wusste, dass du das Ende nicht mochtest und Tine mochte es ja auch nicht so. Ich finde, dass "die schnelle Auflösung" zur Geschwindigkeit des Romans passt und freue mich, dass es ein Happy End gibt, obwohl ich ein Freund von offenen Enden bin. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich täglich mit solchen Geschichten zu tun habe und mich über ein paar mehr echte Happy Ends freuen würde. Allerdings finde ich dann einige andere Aspekt am Anfang des Buches zu gewollt zusammengestückelt.
    5. Schade, dass wir keine Leserunde dazu hinbekommen habe. Das wären sicher sehr interessante Diskussionen geworden :)

    Liebe Grüße Nanni

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  2. Das ist doch schön, wenn dir das Buch so gut gefallen hat. Ich glaube, ich bin da auch sehr kritisch dran gegangen und den ein oder anderen Punkt hätte man vielleicht eher mit einem zugedrückten Auge sehen können. Aber wenn ich an die Geschichte zurückdenke, bin ich immer noch am Kopfschütteln, ich fand da einfach sovieles so daneben!
    Deinen Punkt 3 finde ich dennoch ziemlich gut und der stimmt mich auch nachdenklich - damit hast du definitiv Recht und von der Seite habe ich es - zugegeben - gar nicht betrachtet. Mich hat dieses plötzliche Aufgreifen so vieler "erwachsener" Themen nur einfach ziemlich erschlagen und überrumpelt.
    Mit dem Ende kann ich mich allerdings überhaupt nicht anfreunden, gerade weil es so unrealistisch ist. Da kann ich noch so sehr hoffen, dass mehr Kinder ein solches Happy End erleben dürfen - dieses Ende hier fand ich einfach schlecht.

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  3. Und: ja, ich geb dir Recht, eine kleine Leserunde zum Austauschen wäre bei diesem Buch bestimmt wirklich interessant geworden! Vielleicht schaffen wir es ja mal bei einem anderen Buch :)
    LG zurück

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  4. Dann hoffe ich, dass wir ein Buch erwischen, dass ebenso kontroverse Meinungen in uns auslöst. Wenn wir immer nur sagen: "Boah ist das toll!" "Ja da geb ich dir Recht!!", dann wirds uns ja langweilig ;)

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