Mittwoch, 14. August 2013

"Erika Mustermann" - Robert Löhr

Piper Verlag, 2013
16,99 Euro

Handlung:
Friederike (Grüne) verabscheut die Piraten: Raubkopierer, Rollenspieler und Einzelgänger, die sich den Teufel um die Umwelt scheren, solange das Netz nur frei bleibt. Also startet sie einen Feldzug gegen die Piratenpartei. Ihr erstes Opfer: Volker Plauschenat, der harmloseste der 15 Berliner Abgeordneten. Aber je tiefer Friederike in dessen Keller nach Leichen buddelt, desto mehr lernt sie das piratische Paralleluniversum schätzen. Und als sie erst ihr Herz an einen dieser Freaks verliert, wird es verdammt schwer, wieder von Bord zu gehen …
(Quelle: hier)

Meine Meinung:
Ein Geständnis: ich hab nicht viel Ahnung von Politik. Und noch viel weniger Interesse daran. 
Das Buch "Erika Mustermann" von Robert Löhr, das nun ausschließlich in der deutschen Parteienlandschaft spielt, gehört damit eigentlich nicht unbedingt zu den Romanen, zu denen ich normalerweise greife. Ich hab es dennoch getan und es auch nicht bereut. Zwar führt die Geschichte, die sich einem hier vor der Nase entwickelt, nicht unbedingt dazu, selbst Interesse an einer Parteizugehörigkeit zu entwickeln, sich selbst derart engagieren und verwirklichen zu wollen, selbst ein Grüner oder ein Pirat werden zu wollen - eher im Gegenteil. Denn das Bild, das Herr Löhr hier vom Abgeordnetenalltag malt, schreckt doch eher ab: Sticheleien, Mobbing, Anfeindungen, Abgeordnete, die sich gegenseitig dissen, stets auf der Suche nach dem nächsten Skandal, um dem anderen ("dem von der anderen Partei!") eins reinwürgen und sich die nächste Schlagzeile in der BILD sichern zu können. Wenn dieses Bild auch nur ansatzweise der Realität in Berlin entspricht, dann weiß ich jetzt, warum manche Debatten um nichts so lange dauern.
In dieses Tohuwabohu wirft Herr Löhr nun also Friederike, eine alleinerziehende "Öko"-Fanatistin, die das Grün ihrer Partei jeden Tag voll auslebt. Sie möchte die Piraten - ihr persönlicher Dorn im Auge - gern von innen infiltrieren und auflaufen lassen. Das Unterfangen beginnt auch ganz vielversprechend, allerdings entwickelt sie dann zuerst Zuneigung zu den piratischen Parteigenossen, zu einem davon ganz besonders, und lernt schließlich ihr Angriffsziel Nr. 1, Volker Plauschenat, besser kennen, als sie je wollte. Und dann passiert es: sie kann nicht mehr ohne Weiteres gegen die Piraten hetzen, denn so ganz am falschen Fleck scheinen diese Freigeister das Herz gar nicht zu haben...
Mir hat "Erika Mustermann" prinzipiell gut gefallen, weil Robert Löhr es schafft, die Inhalte, Wesensarten und Macken der beiden Parteien, um die es hier geht, darzustellen, ohne dabei einen belehrenden Zeigefinger zu erheben - oder sich gar zu positionieren. Friederike und ihre Abgedrehtheit, wenn es um Politik geht, war mir hier genauso (un)sympathisch wie Volker Plauschenat, der Steampunk-Conventions abhält und irgendwie viel zu nett für die Politik wirkt. Ich war schon gespannt, wie sich das Ganze auflösen wird, nicht zuletzt, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass der Autor hier bewusst eine Partei gewinnen lassen wird. Also bin ich auch trotz gefühlter Längen in der Mitte der Geschichte drangeblieben und habe Volker und Friederike beim Schlagabtausch begleitet. Das Ende, das Herr Löhr hier für sich gefunden hat, hat mich dann ziemlich überrascht - unerwartet, etwas unfassbar, aber trotzdem eine Möglichkeit.

Fazit:
"Erika Mustermann" ist durchaus lesenswert für alle, die Interesse an der Politik im Allgemeinen und Parteien im Speziellen haben - und für alle anderen auch. Durch Wortwitz und sehr genaue Beobachtungsgabe des Autoren erlebt man einige sehr amüsante Erlebnisse beim Lesen, und man schafft es, sowohl die Grünen als auch die Piraten irgendwie ins Herz zu schließen.


Ein herzliches Dankeschön an den Piper Verlag für das Leseexemplar!

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