Mittwoch, 10. Oktober 2012

"Schrödinger, Dr. Linda und eine Leiche im Kühlhaus" - Jan de Leeuw

Carlsen Verlag, 2012
5,95 Euro

Handlung:
Was tut man, wenn man eines Morgens die Mutter tot im Schlafzimmer findet, der Vater nicht greifbar ist und die geliebte kleine Schwester sich schon unbändig auf ihren Geburtstag freut? Jonas versucht zu retten, was noch zu retten ist, befördert seine Mutter kurzerhand ins Kühlhaus und behauptet, sie sei verreist. Nur leider traut die überaus neugierige Nachbarin der Sache nicht so ganz. Und als Jonas auch noch den Job seiner Mutter als Kummerkastentante Dr. Linda übernimmt, droht das Lügengebäude endgültig einzustürzen. Denn seine seltsamen Ratschläge zum Thema Liebe rufen Heleen auf den Plan, die sich gerne persönlich bei Dr. Linda beschweren möchte - mit ungeahnten Folgen!
(Quelle: hier)

Meine Meinung:

"Ich liebe die Menscheit. Nur die Menschen liebe ich weniger." (S. 93)

Ich schwanke bei der Einschätzung dieses Buches völlig hin und her. Einerseits denke ich mir, dass "Schrödinger, Dr. Linda und eine Leiche im Kühlhaus" zwar eine Perle inmitten der Jugendliteratur ist, weil es schwierige Themen anspricht und einfach... ja, anders ist. Es beinhaltet neben einigen schrulligen und gleichwohl liebenswerten Charakteren nämlich vor allem auch seine kleinen Wahrheiten über angeknackste Familien. Genau diese Wahrheiten, diese ernsten Themen also, wurden für meinen Geschmack jedoch viel zu oberflächlich behandelt. Die Tatsache, dass die Mutter Selbstmord begeht, der Vater wegen psychotischer Krisen schon seit einer Weile in einer Klinik ist und hier zerrüttete Familienverhältnisse par excellence zelebriert werden - das ist nicht wirklich Stoff für ein lustiges unterhaltsames Jugendbuch. Jan de Leeuw, der selbst Psychologe ist, hat es zwar geschafft, die Probleme in Jonas´ Familie auf den Tisch zu bringen, aber in einer Art, die ich an mancher Stelle nicht ganz angebracht fand und die in meinen Augen zu wenig beleuchtet wurden. Jonas Familie ist völlig kaputt. Das wird einem beim Lesen nach und nach klar. Man schwankt dank de Leeuws ungezwungener und teils humorvoller Art zu erzählen zwar stets zwischen Lachen und Weinen und weiß nicht so recht, ob man das ganze Szenario nicht doch eher einfach amüsant finden soll. Aber eigentlich ist das, was hier passiert, eher unendlich traurig. Denn was sich hier für schwerwiegende soziale und kommunikative Probleme zusammenfinden, Schuldgefühle, Reue und Rache, das nimmt man diesem unscheinbaren Büchlein mit nicht mal 160 Seiten zunächst gar nicht ab. Erst mit dem Lesen merkt man, dass man mit Jonas mitleidet, die Last auf seinen Schultern quasi ebenso spürt, und ihn aber trotzdem am liebsten schütteln möchte, rufen möchte "Wach doch mal auf!" und sich die ganze Zeit fragt, warum zum Geier er das alles tut, was er tut. Warum er diese Farce aufrecht erhält, den Leuten nicht einfach sagt, was passiert ist und sich Hilfe holt.
Und dann ist das Buch plötzlich vorbei, man findet die Geschichte eigentlich ganz wunderbar und kurios, und dennoch fragt man sich, was der Autor damit bezwecken wollte.
 
"Die Welt liegt hier", ihr Arm machte einen Schwenk über die Terrasse, "und ich reiche nicht an sie heran. Sie ist ein einziges großes Fest und ich kann zwar meine Nase von außen gegen die Fensterscheibe drücken und die lachenden und tanzenden Leute beobachten, aber ich selbst habe keinen Zutritt. " (S. 93)
 
Fazit:
Wie schon gesagt: hin - und hergerissen. Die Geschichte von Jonas, der nach außen hin gute Miene zum traurigen Spiel macht, hat mich einerseits berührt und gewissermaßen auch unterhalten. Gleichzeitig möchte ich jetzt am liebsten den Kopf schütteln, denn es bleibt zu befürchten, dass es leider irgendwo auf der Welt garantiert einen echten Jonas gibt, der sich mit solchen Problemen konfrontiert sieht und genau das durchlebt, was hier beschrieben wird. 4 von 6 Bücherstapel.
 

0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Powered by Blogger.

© i am bookish, AllRightsReserved.

Designed by ScreenWritersArena