Montag, 27. August 2012

Warten auf Irving #13

Es war im Jahr 2000, als ich mein erstes Buch von John Irving las. Ich war 15, hatte gerade ein Praktikum in einem Buchgeschäft gemacht und durfte mir als Abschiedsgeschenk ein Buch aussuchen. Meine Wahl - und ich kann heute nicht mehr sagen, warum - fiel auf „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ von John Irving, welches ich kurz darauf auch direkt anfing zu lesen. Nun kann ich nicht sagen, dass ich mich mit 15 wirklich bewusst mit dem Thema Abtreibung und Adoption, also den Kernthemen in eben diesem Buch, auseinandergesetzt hätte, oder auseinandersetzen hätte wollen, mir war das Ganze bis dahin recht einerlei. Ich würde auch nicht behaupten, dass ich nach dem Lesen dieses Buches eine Erleuchtung bekam, irgendwelche einschneidenden Gedanken entwickelte und mir diesbezüglich eine unverrückbare Meinung bildete. Nein, eigentlich nicht. Aber irgendetwas war anders, als ich „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ zuklappte; ich hatte das Gefühl, hier gerade etwas Besonderes gelesen zu haben, etwas, das mich noch lange begleiten würde. John Irving, dachte ich mir, hat irgendwas in mir bewegt, von dem ich gar nicht wusste, dass es da war - und das bloß durch die Art, wie er erzählt. Ich machte mich schlau und erfuhr, dass Irving bereits einige Romane geschrieben hatte, welche ich mir nach und nach alle zulegte. (Allerdings habe ich bis heute nicht alle seine Bücher zusammen.)
2 Jahre nach diesem Erlebnis mit „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ las ich „Owen Meany“. Dieses Buch hat mich verändert. Das mag hochtrabend klingen, vielleicht auch arg übertrieben, aber es ist so. Ich habe noch nie vorher ein Buch gelesen, dass mich derart berührte, durchschüttelte, mich sprachlos zurückließ und von dem mir heute - 10 Jahre danach - noch so viele Szenen im Kopf sind, die sich in meine Gedanken eingebrannt haben, und die mich seither in den unterschiedlichsten Momenten in meinem Leben begleiten. Ich habe „Owen Meany“ bis heute nur dieses eine einzige Mal gelesen, aber ich zähle es dennoch zu meinen absoluten Lieblingsbüchern - einfach, weil ich solche Emotionen und Gedanken wie beim Lesen dieses Buches noch bei keinem anderen hatte. Ich habe, soweit ich mich zurück erinnern kann, nur bei diesem Buch so gelacht, schon 2 Seiten später geweint, mitgefühlt und mitgezittert, den John im Buch auf seiner Suche nach seinem Vater begleitet und am Ende - bei diesem Buchende!! - geheult wie schon lange nicht mehr. Ich habe „Owen Meany“ während eines Urlaubs gelesen und konnte nach dem Buchzuklappen 2 Tage lang einfach nichts sagen, weil ich so gefangen war in dem, was sich mir dort auf diesen Seiten darbot, und mir einfach alles andere so unwichtig erschien, was nicht damit zu tun hatte. (Meine Eltern fingen an, sich Sorgen zu machen, weil ich wirklich wie weggetreten wirkte.)  Mir kommen heute noch die Tränen, wenn ich nur an den Verlauf dieser Geschichte denke, und das hat bisher tatsächlich nur „Owen Meany“ geschafft.


Meine Irving-Ecke im Regal

Wie schon geschrieben, habe ich mir nach und nach fast alle weiteren Bücher von John Irving zugelegt und habe bis heute davon bis auf „Lasst die Bären los!“ und „Zirkuskind“ auch alle gelesen. Einige davon gefielen mir unglaublich gut, „Die wilde Geschichte vom Wassertrinker“ z.B. gehört heute ebenfalls zu meinen absoluten Lieblingsbüchern; andere dagegen - interessanterweise sogar jene, die von aller Welt gerühmt und in den Himmel gelobt werden, und denen John Irving auch seinen Erfolg zu verdanken hat, wie beispielsweise „Das Hotel New Hampshire“ - haben mein Wohlwollen eher nicht gefunden. „Die Irving Bücher ähneln sich alle“ mögen manche Irving-Kritiker sagen; und ja, sie haben nicht mal Unrecht. Manche Themen findet man bei ihm immer wieder: schrullige Gestalten, schwierige Kindheiten, verkorkste Erwachsene, Motorräder und Bären - das sind einige von Irvings (teils auch autobiografisch angehauchte) bevorzugte Inhalte, die man mittlerweile fast zielsicher in jedem seiner Romane irgendwo finden kann. Aber trotzdem schafft er es, jedes seiner Bücher zu etwas Eigenem, Selbstständigen zu machen. Und zu etwas Besonderem.
Sein letzter Roman, „Letzte Nacht in Twisted River“, war nun jedoch tatsächlich ein Buch, das mir gar nicht gefallen hat. Ja, eigentlich habe ich es sogar diesem Buch zu verdanken, dass ich mit dem Bloggen begonnen habe; angefangen habe, regelmäßig Rezensionen zu schreiben. Einfach, weil ich von diesem Buch so unglaublich enttäuscht war, dass ich mir dachte, diesen Frust nach dem Lesen muss ich irgendwie rauslassen und mit jemanden teilen, jemanden, den das interessiert und der das liest. (Eine Rezension zu „Letzte Nacht in Twisted River“ gibt es dennoch nicht von mir hier zu finden. Ich habe diese Sprachlosigkeit, die mich nach dem Lesen dieses Buches erfasste, einfach nicht in klingende Sätze bringen können. Bis heute nicht. Ist auch ein Irving-Phänomen.)
Vor ein paar Monaten habe ich dann erfahren, dass er mit „In one person“ ein neues Buch herausbringt, seinen 13. Roman, welcher nun am 25.09. auf Deutsch erscheint. (Noch ein Geständnis: Ich habe noch nie ein Irving Buch auf Englisch gelesen. Das ist eigentlich eine wirklich schwache Leistung, da ich ihn stets für seine Erzählweise bewundere und mich manchmal richtig in den Sätzen verliere. Eigentlich bezieht sich das ja jedoch immer nur auf die Übersetzung, die leider nicht von ihm selbst stammt, obwohl er sogar Deutsch spricht.) „In einer Person“ (Diogenes Verlag) befasst sich nun wieder mit einem Thema, das mich bisher eigentlich höchstens am Rande berührte, und zu dem ich keinerlei Beziehung habe, wenn ich ehrlich sein soll. Trotzdem freue ich mich schon unglaublich, mich wieder „in einen Irving fallen lassen zu können“, mir neue Horizonte zeigen lassen und mich für einige Stunden in diesem neuen Roman verlieren zu können. Auch wenn ich genau weiß, dass ich ein solch einschneidendes Erlebnis wie mit dem Lesen von „Owen Meany“ nie wieder haben werde, und auch wenn mich manche seiner Bücher unglaublich enttäuscht haben, so gehört John Irving für mich dennoch weiterhin zu meinen Lieblingsautoren, weil er meine Welt schon vor einigen Jahren sehr viel heller und reicher gemacht hat.

John Irving: "In einer Person"
Auf der Laienbühne seines Großvaters in Vermont lernt William, dass gewisse Rollen sehr gefährlich sind. Und dass Menschen, die er liebt, manchmal ganz andere Rollen spielen, als er glaubt: so wie die geheimnisvolle Bibliothekarin Miss Frost. Denn wer sich nicht in Gefahr begibt, wird niemals erfahren, wer er ist.
 
 
erscheint am 25.09.12 im Diogenes Verlag

2 Kommentare:

  1. Hm, interessant, dass du mit "Letzte Nacht in Twisted River" nichts anfangen konntest. Ich hab den Roman bei der Hälfte abgebrochen und bin bis jetzt unschlüssig, ob ich ihn nicht doch irgendwann zu Ende lesen soll. Aber ich muss zugeben, dass er mich so gar nicht lockt ...
    Sonst kenne ich von Irving nur "Hotel New Hampshire" und "Witwe für ein Jahr", die mir beide sehr gut gefallen haben - und von "Gottes Werk und Teufels Beitrag" kenn ich zumindest die Verfilmung. ;-)

    Der neue Roman klingt eigentlich recht interessant (alles, was mit Theater zu tun hat, packt mich natürlich sofort), aber ich bin nun nach "Letzte Nacht in Twisted River" doch äußerst skeptisch.

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  2. Naja, skeptisch hin oder her, ich bin halt Irving-geprägt und kaufe mir seine neuen Bücher daher auf jeden Fall, egal, was die Bewertungen sagen. Bin auch mal sehr gespannt, was es diesmal für eine Story wird.
    "Witwe für ein Jahr" fand ich auch ganz gut, "Hotel New Hampshire" fand ich fürchterlich - keine Ahnung, wieso. Vielleicht die Tatsache, dass die halbe Familie stirbt, vielleicht der Hauch von Inzest, der da durchweht, vielleicht... ach, weiß auch nicht, das Buch hat mir nicht so gefallen. Die Verfilmung von "Gottes Werk und Teufels Beitrag" habe ich auch mal gesehen, vor viiiielen Jahren, aber ich weiß noch, dass die nicht an das Buch heran gekommen ist. Auch wenn Tobey Maguire da ein guter Homer Wells war.

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