Mittwoch, 18. Juli 2012

Die Lektüre meiner Zugnachbarn #4

Wird mal wieder Zeit für Einblicke in den Lesestoff meiner Zugmitreisenden. In letzter Zeit saßen mir ein paar lesende Menschen gegenüber, und nach einigem Halsverrenken und Hinstarren hab ich den ein oder anderen Buchtitel erspähen können.
Die heute vorgestellte Zugreisende war ein mitteljunges Mädchen, das vor einigen Tagen Freitagnachmittag mit ihrem Freund unterwegs war. Schwer bepackt mir Rucksäcken, an denen die Kochtöpfe baumelten, Isomatten und Schlafsäcken, kämpften sich beide durch das Zugabteil (ja *seufz*, nur die Deutsche Bahn schafft es, an einem Freitagnachmittag (mit bereits begonnenen Sommerferien in dem ein oder anderen Bundesland) auf einer sehr gut besuchten Zugstrecke, die durch 2 Bundesländer führt, mit nur EINEM Zugwagen zu fahren. Glückwunsch zu dieser logistischen Meisterleistung...) und nahmen mir gegenüber Platz. Bevor sie sich setzte, stöberte besagtes Mädel jedoch in den Untiefen ihres Rucksacks und zauberte nach einigem Kramen gleich 3 Bücher hervor. Ihrem Freund, dem das natürlich nicht entging, erklärte sie, dass sie ja jetzt noch nicht wüsste, auf welchen Lesestoff sie vielleicht in einer halben Stunde Lust hat, und deshalb einfach mal vorsorglich mehrere Bücher mitgenommen hätte. (Das Problem kenn ich.) 
Nun kam sie während der Zeit, die ich ihnen gegenüber saß (ca. eine dreiviertel Stunde) jedoch gar nicht zum Lesen, weil sie stattdessen höchst philosophisch und pseudo-intellektuell angehauchte Gespräche mit ihrem Freund führte. Das soll gar nicht abwertend klingen, aber für manche Gesprächsthemen (die man als Zugnachbar ja unweigerlich mit anhört) und vor allem für die Art und Weise, WIE sich manche Personen über solche Themen unterhalten, fehlen mir an einem heißen Freitagnachmittag in überfüllten Zügen einfach die Nerven. Sie bequasselte ihren Freund, wie toll und wichtig sie es findet, dass manche Eltern ihren Kindern schon früh die Fähigkeit zur Selbstreflektion nahelegen und beibringen. Und das tat sie mit solch einer Inbrunst, die mich vermuten ließ, dass sie nebenbei wahrscheinlich an einer Theatergruppe teilnimmt und Aufführungen mitmacht. Er setzte nach und erzählte von seiner schwierigen Kindheit, und dass es bei ihm nie die Möglichkeit einer Selbstreflektion im Kindesalter gegeben hätte. 
Hömmmpfff..... Gedanklich - obwohl mit einem halben Ohr immernoch den Schilderungen seiner schwierigen Kindheit lauschend; hey, ich bin immerhin Psychologin! - schweifte ich dann schon ab und widmete mich wieder meinem Buch; nicht jedoch, ohne vorher noch einen Blick auf die 3 Bücher zu werfen, die sie ausgepackt hatte. Den einen Titel konnte ich leider nicht erkennen, aber bei den anderen beiden Büchern handelte es sich um folgende:
 
Margarete Mitscherlich: "Autobiografie und Lebenswerk einer Psychoanalytikerin"
Margarete Mitscherlich ist zweifellos eine der prägendsten Psychoanalytikerinnen ihrer Generation. Anhand ihres eigenen Lebensweges verdeutlicht sie das Verhältnis zwischen Leben, Lebenssinn und Lebenswerk. Die Beziehung zu ihrer Mutter begreift sie als wegweisend für ihre persönliche Entwicklung und ihr berufliches Schaffen, gelangte sie doch erst durch die Aufarbeitung dieser komplexen Beziehung selbst zur Beschäftigung mit der Psychologie. Mitscherlich analysiert die Bedeutung ihrer deutsch-dänischen Herkunft sowie den Einfluss der NS-Diktatur auf ihr privates Leben und ihren beruflichen Werdegang. Unermüdlich und uneitel verfolgt sie ihre Erinnerungsarbeit, durchleuchtet dabei ihr eigenes Leben mit den Mitteln der Psychoanalyse.
 
Graham Greene: "Die Stunde der Komödianten"
Ein Thriller im Dunstkreis von Bestpitzelung und Unterdrückung von Mord und Rebellion.
Mr. Brown, Mr. Jones und das Ehepaar Smith reisen mit der »Medea« nach Haiti, in ein Land, das unter der Schreckensherrschaft des diktatorischen Papa Doc und seiner Mafia steht. Mr. Brown, der Ich-Erzähler, besitzt ein Hotel in Port-au-Prince, das er in New York vergeblich verkaufen wollte. Das Ehepaar Smith will Geld anlegen und nebenbei eine – reichlich naive – Mission erfüllen, nämlich den Vegetarismus propagieren.
Mr. Jones' Absichten sind dunkel. Er ist ein Abenteurer und spielt gerne, um seine Kasse aufzufüllen. Und als Mr. Brown zu seinem Hotel kommt, findet er im Swimmingpool eine Leiche: Dr. Philipot, den Wohlfahrtsminister. Wie wird man den Toten unauffällig los, ehe die mafiöse Polizei ihn entdeckt?
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Hömmmpfff... - das hab ich eben schon gesagt, was? Wäre beides nicht wirklich meine Lektüre, obwohl mir studiumsbedingt der Name der erst kürzlich verstorbenen Psychoanalytikerin Mitscherlich natürlich etwas sagt. Aber tatsächlich passten diese beiden Bücher einfach zu dem Mädel im Zug, zumindest kann ich mir gut vorstellen, dass sie sich nach dem erhellenden Gespräch mit ihrem Freund dann doch eins der Bücher geschnappt und zu lesen begonnen hat.
 
 

7 Kommentare:

  1. Ach, so denkst du über intelligente Gespräche?^^

    Mir persönlich sind solche Konversationen lieber als Small Talk-Müll. Ich finde es auch gut, dass es männliche Wesen gibt, die tatsächlich über ihre Kindheit/Gefühle sprechen können.

    Die Bücher sind dennoch gar nichts für meinen Geschmack. Von Psychoanalyse halte ich auch nicht viel.

    So als Tipp, falls du deinen Header zentrieren möchtest: http://www.copypastelove.org/2011/01/bei-vorlagen-designer-header-zentrieren.html

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  2. Hahaha geil hatte ich auch schon ein paar mal. Ich bin ja generell absolut PRO intelligente Gesprache (Surprise :p) aber der Sinn solche persoenlcihen Dinge im ueberfuellten Zug zu besprechen entgeht mir voellig. Als Vielfahrerin hatte ich da auch schon die ein oder andere vergleichbare Situation. Aber dann so RICHTIG persoenliche Sachen 'a la: "Mein Freund hat mich betrogen und sie ist schwanger" WARUM IM ZUG? Vergisst man da die anderen Leute? Denkt kman die hoeren nicht zu? (Und das tun sie IMMER, sie koennen schliesslich nicht WEG!) Oder findet mans geil wenn andere Leute die eigene Leidensgeschichte mti anhoeren?

    Noch besser sind die Schnuppis mit lackierten Krallennaegeln die dann ganz hektisch mit ihrem Glitzersteinbeklebtem Handy ihre komplette Clique durchtelefonieren. "Ey ja, boah iiich bins man? EY HALLO? JAAA MAN! Alter was willst du alter?" so dass es mindestns bitte auch noch das uebernaechste Abteil mitbekommt...

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  3. Hm, ich vermute eher, dass sie das Gefühl haben, genau in diesem Moment, jetzt, Hilfe/Trost/Rat zu benötigen.^^ Für sie steht sozusagen "ihr Haar in Flammen".^.^

    Aber klar, hohe Lautstärke, Obszönität, derbe Sprache sind extrem nervig. Aber vielleicht bin ich da schon abgebrüht. In Berlin bekomme ich in jeder Zugfahrt mindestens 2Mal Bettelmusik/Straßenfegeranfragen plus Duftwogen.

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  4. Hahaha :D Sehr erheiternder Post :)
    Finde ich jedenfalls eine gute Idee die Bücher deiner Zugnachbarn vorzustellen :)


    Mir persönlich sind solche pseudo-intellektuellen Gespräche in Zug/Bus/Straßenbahn/im schlimmsten Falle Flugzeug (da kann man nicht so leicht bei der nächsten Station aussteigen) allerdings auch immer noch lieber als die aktuell beliebten Beischlafstellungen, die ich schon von einigen Mitreisenden (unfreiwillig zuhörend) erläutert bekommen habe.


    Lg Misty

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  5. Ja, ich versteh halt auch wirklich nicht, wieso manche Menschen sich über wirklich ALLES im Zug oder in der U-Bahn oder eben inmitten von vielen Menschen unterhalten müssen, und dabei nicht mal ein wenig gehemmt sind. Das Gespräch der beiden war jetzt zwar nicht peinlich, anrüchig oder extrem privat, aber unterhalten haben die beiden die ganzen Menschen um sich herum auf jeden Fall ;)

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  6. Hihi, ich liebe diese Kategorie. Bei den drei Büchern musste ich an eine absolut grandiose Szene in der Serie Gilmore Girls denken, als Rory erklärt, weshalb sie einen ganzen Stapel Bücher in die Schule mitnimmt. Also nicht Schulbücher, sondern Bus- und Pausenlektüre in großer Auswahl. *gg*

    Das mit den Gesprächen in Zügen finde ich auch immer etwas anstrengend. Ich habe für diese Zwecke immer meinen ipod dabei, aber so laut kann man die Musik manchmal gar nicht stellen, dass man nicht trotzdem noch Gespräche hört, die man gar nicht hören will. %-)

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    1. Die Szene bei den Gilmore Girls kenn ich :)
      Und ja: so laut kann man seinen iPod oft gar nicht stellen, sonst fängt er an, zu brummen :D

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