Sonntag, 24. Juni 2012

"Vollendet" - Neal Shusterman

Sauerländer Verlag, 2012
16,99 Euro

Erscheinungsdatum: 01.08.12

Handlung:
Der 16-jährige Connor hat ständig Ärger. Risa lebt in einem überfüllten Waisenhaus. Lev ist das wohlbehütete Kind strenggläubiger Eltern. So unterschiedlich die drei auch sind, eines haben sie gemeinsam: Sie sind auf der Flucht. Vor einem Staat, in dem Eltern ihre Kinder im Alter von 13 bis 18 Jahren umwandeln lassen können. Die Umwandlung ist schmerzfrei. Jeder Teil des Körpers lebt als Organspende in einem anderen Organismus weiter. Aber wenn jeder Teil von dir am Leben ist, nur eben in jemand anderem ... lebst du dann, oder bist du tot?
(Quelle: amazon.de)

Meine Meinung:

"Wenn sich damals mehr Menschen zur Organspende bereit erklärt hätten, dann hätte es die Umwandlung vielleicht nie gegeben. Aber die Leute behalten gern, was ihnen gehört, auch nach ihrem Tod. Es dauerte nicht lang, bis die Moral der Gier zum Opfer fiel. Die Umwandlung wurde zu einem ganz großen Geschäft. Und man ließ es einfach zu." (S. 283)

Es gibt nicht viele Bücher, bei denen ich während des Lesens fassungslos die Hand vor den Mund schlage und richtiggehend "Beklemmungen" bekomme, wenn ich lese, was ich dort lese. Bei "Vollendet" ist mir aber gerade das passiert.
Was Neal Shusterman hier für ein Szenario entwirft, kann ich eigentlich nur mit einem Wort beschreiben: grauenhaft. Wir befinden uns in (ferner? weiter?) Zukunft; einer Zukunft, in der ein Menschenleben offenbar nicht mehr viel wert ist. Oder falsch: ein Menschenleben schon, aber es muss eben der richtige Mensch im richtigen Alter dahinter stecken. Das Austauschen und Ersetzen von kranken oder nicht mehr ganz funktionsfähigen Körperteilen und Organen ist zum Alltag geworden - das Bild vom lang lebenden, vielleicht sogar fast unsterblichen Menschen scheint hier in greifbare Nähe gerückt zu sein.
Die unterschwellige Frage, mit der sich Shusterman hier auseinander setzt, ist aber die unbequemste des ganzen Themas: Wo kommen diese Körperteile her? Wer ist der Spender?
Antwort: Jugendliche. Jugendliche zwischen 13 und 18 Jahren müssen in Shustermans Welt quasi jeden Tag wie frei laufende Ware um ihr Leben bangen, denn sie stehen leicht auf der Abschuss- und Ausrangiertenliste der "Wandler". Eltern dürfen ab dem 13. Lebensjahr entscheiden, ob sie ihr Kind, so wie es ist, behalten möchten, oder ob sie es - für das größere Wohl - zur Umwandlung frei geben, damit die Einzelteile des Kindes ihren Zweck erfüllen können, in den Körpern anderer Menschen. Bei jedem noch so kleinen Vergehen muss ein Jugendlicher um sein Leben bangen, denn seine Eltern könnten still und leise einfach die Verfügung unterschreiben, ihre Kinder zur Umwandlung zu schicken. Problemkinder? Erleben ihren 18. Geburtstag nicht. Waisenkinder? Haben keine Chance. Aufmüpfige Teenager, die sich zu viel erlaubt haben? Werden kurzerhand ausrangiert und in ein sogenanntes "Ernte-Camp" verfrachtet. Was dort geerntet wird? Nun... sie selbst.
So locker leicht, wie ich den Inhalt hier zusammenfasse, ist das Thema nicht. Im Gegenteil. Ich habe mich an so vielen Stellen gefragt, was für eine Gesellschaft zu solchen Dingen fähig wäre. Ob wir hier wirklich nur eine schreckliche ausgedachte (!) Variante der Zukunft vor uns zum Lesen haben, oder ob eine Gesellschaft wirklich eines Tages so krank, so unverfroren und so abgründig sein könnte. Die Parallelen und Fingerzeige in Richtung "reale Vergangenheit" (Zweiter Weltkrieg, Nazizeit etc.) scheinen in "Vollendet" durch und sind dadurch merkwürdig passend.
Neal Shusterman hat sich hier ziemlich starken Tobak als Thema für seine Geschichte um die 3 Jugendlichen Connor, Risa und Lev ausgedacht, die sich in eben dieser Gesellschaft mit der täglich ablaufenden Umwandlung konfrontiert sehen müssen. Dieses Schlagwort der "Umwandlung" schwebt permanent wie ein Damoklesschwert über allen Jugendlichen zwischen 13 und 18, ohne dass eigentlich irgendjemand genau weiß, was während dieser abläuft. Niemand weiß es. Jeder fürchtet es. Als in einem Kapitel im letzten Drittel des Buches eben eine solche Umwandlung beschrieben wird, musste ich das Buch zuklappen und tief Luft holen. Ich konnte nicht fassen, was ich dort lese.

Fazit:
Die Geschichte von "Vollendet" ist nicht schön. Überhaupt nicht. Aber für die Eindringlichkeit des Grauens und die Fassungslosigkeit, die anhand der Themen Organhandel, Abtreibung, Kinderhandel hier transportiert werden, gibt es trotzdem die volle Punktzahl.


3 Kommentare:

  1. Beim Lesen deiner Rezi hat es mich direkt zu meinem Leseerlebnis zurückversetzt. Mich hat das Buch genauso mitgenommen! So dünn (zumindest im Englischen) und doch steckt so viel drin. Ich glaube, das Buch ist unter anderem deshalb so intensiv, weil es so konzentriert auftritt.
    Im September erscheint übrigens ein zweiter Teil auf Englisch. Ich bin auf Shustermans weitere Gedankengänge sehr gespannt.

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  2. Oh, ein zweiter Teil? Das wusste ich noch gar nicht. Aber da werde ich wohl auch dranbleiben. Interessiert mich auch sehr, was er weiterhin aus dem Thema machen will.

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  3. Kann ich nur unterschreiben, nachdem ich es nun auch gelesen (ach was, verschlungen) habe.

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