Mittwoch, 13. Juni 2012

"Ich und Du und Er" - Marleen Nelen

Urachhaus Verlag, 2012
14,90 Euro

Handlung:
England 1804. Der 15-jährige Adam lebt mit seinem Vater und seinem Bruder Nelson an der englischen Küste. Das Leben der Dorfbewohner steht ganz im Zeichen des Meeres: Seit Generationen fahren die Männer jeden Tag zum Fischen aufs Meer und die Frauen bleiben zu Hause, um sich um die Netze zu kümmern.
Aber Adam bleibt lieber an Land und verbringt seine Tage mit Shona, mit der er von den hohen Klippen ins Meer springt und vom Fliegen träumt. Als ein Fremder ins Dorf kommt, beäugen die Männer ihn skeptisch – ist er ein Spion, der ihre Schmuggelgeschäfte aufdecken soll? Gleichzeitig entdeckt Adam, dass auch sein Bruder Nelson sich für Shona interessiert. Sein Leben droht aus allen Fugen zu geraten ..
Meine Meinung:

"Ich drücke einen Kuss auf das grüne Seegras. Ich sage, dass die Grenze des Lebens ebenso dünn ist wie der Unterschied zwischen Nass und Trocken am Strand. Ich zähle auf, was ich vermisse, seit sie nicht mehr da ist, ihr klopfendes Herz an meinem, und ich sage, was ich hätte sagen müssen, als  ich noch die Gelegenheit dazu hatte. Ich denke an die Dinge, die ich nie tun werde, weil ich in diesem Dorf geboren worden bin." (S. 228f)

Sätze bzw. Abschnitte wie diese oben im Zitat haben dazu geführt, dass ich "Ich und Du und Er" komplett gelesen habe. Einfach, weil sie mir in den Kopf gingen und ich mir denken musste, dass sie wahr sind, dass sie wirklich gut sind, dass sie einfach stimmen. Hätte das Buch nicht dann und wann solche kleinen Wahrheiten oder "Schätze" beinhaltet, hätte ich es nach gut einem Drittel wahrscheinlich entnervt zur Seite gelegt.
Denn sprachlich hat mich dieser Roman von Marleen Nelen wahrlich nicht vom Hocker gehauen, im Gegenteil. Ich fand es teilweise furchtbar anstrengend und mühsam, mich durch die einfachen, stumpfen und abgehackten, lediglich beschreibenden Sätze zu kämpfen. Die emotionalen Komponenten, die den Figuren (und allen voran Ich-Erzähler Adam) durch den Kopf gehen und ihr Verhalten lenken, sind so rar gesät und nehmen einfach keinen nennenswerten Anteil im Buch ein. Die Erzählung wirkt dadurch wie die Landschaft, in der sie spielt: karg, grau, trostlos. Das ist vermutlich so gewollt von der Autorin, doch mir ging diese Art zu (be)schreiben irgendwann ein wenig auf die Nerven.
Die Handlung als solche ist zudem mäßig spannend, und die angedeutete Dreiecksgeschichte zwischen Leuchtturmwärter-Tochter Shona und den beiden Fischer-Söhnen Adam und Nelson kommt leider nur häppchenweise durch in dem recht realistisch gezeichneten Bild des Lebens und Arbeitens in einem kleinen englischen Fischerdörfchen Anfang des 19. Jahrhunderts. Ein Häufchen Menschen geht hier ihren Alltagsaufgaben nach (Fischen, das Feuer im Leuchtturm anwerfen, Kochen etc.) - mehr eigentlich nicht. Bei manch verwirrend anmutenden Verwandtschaftsverhältnissen der Bewohner im Dorf habe ich schlicht nicht drüber nachgedacht, sondern die Namen eben einfach so hingenommen. Platz für Sorgen, Träume und Gedanken ist nicht in dieser Zeit und dieser Welt; und so hat es Adam, ein Träumer und Denker, nicht leicht, sein Leben erfüllend zu gestalten. Diese Möglichkeit sieht er erst gekommen, als Charles an den Strand angespült wird - ein Niemand ohne Vergangenheit, der jedoch Pläne, Mut und Tatendrang vorweisen kann. Für ihn ist das karge Fischer-Leben nichts und er plant Größeres, wozu er Adam recht schnell ebenfalls ermuntern kann. Leider ist in Adams Heimatdorf Anfang des 19. Jahrhunderts jedoch kein Platz für Freidenker... Und was ist mit Shona? Will sie Adam? Oder seinen Bruder Nelson?
Die Auflösung dieses "Dilemmas" liest sich schnell weg und gipfelt in einem Ende, das ich trotz der schwachen Handlung bis dahin durchaus gelungen finde, weil es zu Adam passt und einem das Gefühl vermittelt, alles wäre möglich - man muss es nur wollen. Zumindest finde ich den Gedanken schön, dass ein "theoretisch echter" Adam, der vielleicht tatsächlich in einem solchen Dorf im 19. Jahrhundert gelebt hat, sein Glück auf diese Weise finden konnte.

Fazit:
"Ich und Du und Er" hinterlässt leider kaum einen bleibenden Nachgeschmack bei mir. Die Erzählung ist nett und sicherlich detail- und historientreu, was nicht zuletzt dadurch verstärkt wird, dass die Autorin in ihrem Nachwort einige Literatur als Quellen angibt. Dennoch fehlt der ganzen Geschichte ein wenig das sprichwörtliche "Salz in der Suppe" und der - in meinen Augen - recht plumpe Erzählstil tut sein Übriges. Ich lasse mich zu 3 von 6 Bücherstapeln hinreißen.


Ein herzliches Dankeschön an Blogg dein Buch und den Urachhaus Verlag für das Rezensionsexemplar!


2 Kommentare:

  1. Tolle Rezi! Ok, das Buch steht bei mir im Regal (ertauscht) und wandert jetzt wohl ein kleines Stückchen nach unten auf dem SuB. Wobei die Story an sich schon interessant klingt und wenn gelegentlich kleine Schätze zu finden sind, lohnt sich vielleicht doch mal ein kleiner Blick hinein. :)

    LG, Reni

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  2. Ich hatte schon ein schlechtes Gewissen und etwas an mir gezweifelt, dass es mir da so alleine geht, aber schön, oder eher unschön dass ich nicht alleine bin. Ich fand den Klappentext und das Cover interessant und dann kommt da "soetwas raus" Sehr schade.

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