Freitag, 15. Juni 2012

"Das Seil" - Stefan aus dem Siepen

Deutscher Taschenbuch Verlag, 2012
14,90 Euro

Handlung:
Ein abgelegenes, von Wäldern umschlossenes Dorf. Einige Bauern führen hier ein einsames und zufriedenes Dasein, das von Ereignissen kaum berührt wird. Eines Tages geschieht etwas vermeintlich Belangloses: Einer der Bauern findet auf einer Wiese am Dorfrand ein Seil. Er geht ihm nach, ein Stück in den Wald hinein, kann jedoch sein Ende nicht finden. Neugier verbreitet sich im Dorf, ein Dutzend Männer beschließt, in den Wald aufzubrechen, um das Rätsel des Seils zu lösen. Ihre Wanderung verwandelt sich in ein ebenso gefährliches wie bizarres Abenteuer: Das Ende des Seils kommt auch nach Stunden nicht in Sicht – und die Existenz des ganzen Dorfes steht auf dem Spiel.
(Quelle: hier)

Meine Meinung:
Schon als ich die Inhaltsangabe gelesen hatte, wurde ich neugierig auf dieses Buch, denn es hat mich an 2 andere Bücher erinnert, die ich kenne: "Das Haus" von Mark Z. Danielewski und "Die Wand" von Marlen Haushofer. Ersteres fand ich von Anfang bis Ende merkwürdig (es geht um ein Haus, das ein seltsames Eigenleben entwickelt, denn es baut sich ständig selbst neue Räume hinzu und wieder weg, und es besitzt einen Keller ohne Anfang und Ende); "Die Wand" - die Geschichte einer Frau, die eigentlich nur einen kleinen Urlaub in Wald und Wiese mit Freunden machen möchte, dann aber schon am 2. Tag feststellt, dass eine unsichtbare Wand sie komplett von der Außenwelt abgetrennt hat und außerhalb dieser Wand scheinbar alles Leben zum Erstarren gekommen ist - nun dieses Buch jedenfalls musste ich abbrechen, weil ich beim Lesen wirklich richtige Atemprobleme und Beklemmungsgefühle bekommen habe. "Das Seil" klang nun aber ähnlich paradox und interessant, und landete damit direkt auf meiner Leseliste.
"Das Seil" ist kein reißerischer Thriller mit mysteriösen Spannungselementen. Sondern eher eine Art Parabel mit ruhigen Tönen, die einen daran erinnern möchte, dass... Ja, woran eigentlich? Hier gibt es soviele Punkte, über die es sich nachzudenken lohnt, wenn man davon liest. Soviel (Un)Menschliches, soviele Geschehnisse, die erst beim späteren Überlegen einleuchten und einem bewusst machen, was es bedeutet, Mensch zu sein.
Das klingt jetzt hoch-philosophisch, ich weiß. Das ist "Das Seil" aber eigentlich gar nicht. Das Setting dieser Geschichte ist denkbar einfach: ein kleines Dörfchen am Waldrand mit vielleicht ein paar Dutzend Einwohnern, vielleicht zu Zeiten des Mittelalters (das wird nicht benannt), aber es ist anzunehmen, denn die Menschen verfügen noch über recht spartanische Ausstattungen. Die Tage drehen sich um Ernte, Saat und den Alltag in Haus und Hof. Eines Tages nun entdeckt einer der Bauern im Wald ein Seil. Das lag am Tag davor noch nicht dort. Es ist nicht ersichtlich, wer es dort hingelegt hat, wie lang dieses Seil ist und was es dort tut. Schnell neugierig geworden, entschließt sich fast die gesamte männliche Bevölkerung des Dorfes, dem Geheimnis auf die Spur zu kommen und dem Seil zu folgen - irgendwo muss es doch schließlich einen Anfang haben! Damit nimmt das Geschehen seinen Lauf. Während die Frauen im Dorf Tag um Tag, bald sogar ganze Wochen auf die Rückkehr ihrer Männer warten, erleben diese auf ihrer Wanderung durch den Wald diverse Gefahren, Dispute und die Abgründe des menschlichen Daseins.
 
Die Geschichte ist tatsächlich paradox. Schon von Anfang an ist dem Leser klar, dass es sich hier eigentlich gar nicht wirklich um das Seil dreht, es dieses vielleicht nicht mal wirklich gibt. Sondern das Seil ist lediglich der Auslöser für alle folgenden Handlungen, die die Menschen im Streben nach Erleuchtung und Wissenserlangung begehen. Dinge, die sie tun, um voran zu kommen, um ihre Neugier zu stillen. Manche dieser Dinge sind so abgrundtief böse, unmenschlich und dennoch so naheliegend, dass man sich als Leser fragt, wie weit man zu gehen bereit ist, um seine Ziele zu verfolgen, und ob diese Ziele eigentlich immer die richtigen sind. Dem Autor ist es sehr gut gelungen, ein Bild der menschlichen Gesellschaft in ihren Facetten zu zeichnen - Nächstenliebe direkt neben Neid, Missgunst und Hetzereien. So "primitiv" diese Gesellschaft hier auch zunächst erscheinen mag, so aktuell und universell sind doch die verborgenen Fragestellungen, die hier entstehen.
Insofern hat mich das Buch "Das Seil" trotz seines geringen Umfangs und seiner recht überschaubaren Gesamthandlung, durchweg überrascht und zum Nachdenken gebracht. Dieser positive Effekt wurde für mich jedoch vom Buchende getrübt, denn den Ausgang dieser Geschichte fand ich schlicht enttäuschend. Einen Paukenschlag, eine unerwartete Wendung, oder irgendetwas Aufrüttelndes hätte ich mir gewünscht. So kam mir das Ende irgendwie abgebrochen und unfertig vor.
 
Fazit:
"Das Seil" bietet eine ungewohnte und nicht alltägliche Geschichte, die in bester Parabel-Manier (der Deutschunterricht lässt grüßen) zum Nachdenken anregt. Die Bauern laufen stellvertretend für jeden Einzelnen, der überlegt, ob er vom vorgezeichneten Weg abweichen soll, einem Seil hinterher - ohne eigentlich zu wissen und zu hinterfragen, warum. Gute 4 Bücherstapel für "mal etwas anderes", aus dem jeder Einzelne eine Erkenntnis ziehen kann.  
 
 

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