Dienstag, 15. Mai 2012

"Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry" - Rachel Joyce

Fischer Verlage, 2012
18,99 Euro

Handlung:
»Ich bin auf dem Weg. Du musst nur durchhalten. Ich werde Dich retten, Du wirst schon sehen. Ich werde laufen, und Du wirst leben.«
Harold Fry will nur kurz einen Brief einwerfen an seine frühere Kollegin Queenie Hennessy, die im Sterben liegt. Doch dann läuft er am Briefkasten vorbei und auch am Postamt, aus der Stadt hinaus und immer weiter, 87 Tage, 1000 Kilometer. Zu Fuß von Südengland bis an die schottische Grenze zu Queenies Hospiz. Eine Reise, die er jeden Tag neu beginnen muss. Für Queenie. Für seine Frau Maureen. Für seinen Sohn David. Für sich selbst. Und für uns alle.
(Bild und Inhaltsangabe hier entnommen)

Meine Meinung:
"Er hatte keine Ahnung gehabt, dass Gehen so weh tun konnte. Sein einziger Gedanke waren Pflaster." (S.98)

Harold Fry macht sich auf eine Reise. Eigentlich hatte er das gar nicht geplant, und so macht er sich auch denkbar unvorbereitet auf den Weg - ohne feste Schuhe, Handy oder Tasche. Aber wer hätte auch gedacht, dass ausgerechnet ein junges Mädchen eines Burgerstandes Weisheiten über das Leben von sich gibt und Harold damit die Augen öffnet? Und so kommt halt alles anders, als zunächst von ihm geplant. Ehe er sich´s versieht, ist er schon im nächsten Dorf angekommen und hat den Brief noch immer in der Hand. Warum also nicht noch ein paar Kilometer laufen?
Es ist eine Reise, auf die man sich als Leser gemeinsam mit Harold begibt. Denn abgesehen davon, dass man schöne Einblicke in die englischen Provinzdörfer und Städte erhält (am Ende des Buches befindet sich eine Karte Englands, auf der man die Stationen Harolds genau nachvollziehen kann), und abgesehen davon, dass Harold lustige, schrullige und außergewöhnliche Menschen kennenlernt, die ihm auf ihre eigene Art und Weise alle etwas für die Reise mitgeben - abgesehen davon ist es vor allem Harold selbst, der einem hier immer näher kommt. Man erhält Einblicke in die gemeinsamen Ehejahre mit Maureen, in ihr Kennenlernen, ihre ursprünglich gemeinsamen Ziele und Träume. Man erfährt, warum eben diese an irgendeinem Punkt ihres Lebens schief gelaufen sind, und warum Harold heute der ist, der er nun mal ist. Sehr gelungen finde ich dabei, dass die Kapitel abwechselnd aus Harolds und Maureens Sicht erzählt werden.
Es ist sehr schön zu verfolgen, welche Ups und Downs Harold während seines Weges erlebt. Es ist nicht immer alles eitel Sonnenschein; Selbstzweifel begleiten ihn ebenso wie die ständige Frage "Macht das alles überhaupt einen Sinn?". Ich bin froh, dass die Autorin Harold hier auch (sprichwörtliche) Steine in den Weg gelegt hat, über die er stolpert, denn alles andere wäre vermessen gewesen. Eine Bilderbuchreise wäre hier völlig unangemessen gewesen und letztlich auch nicht passend zu Harolds Selbstfindungsprozess, den er durchläuft, ohne es eigentlich zu merken.
Ab einer bestimmten Stelle habe ich mich ein wenig an "Forrest Gump" erinnert gefühlt, der sich ebenso eines Tages aufmacht und losläuft. Und ebenso wie bei ihm wird auch Harold "Opfer" der Massenpublicity - die Anhänger und vermeintlichen Fans und Unterstützer schließen sich ihm nach und nach einfach an und begleiten ihn. So befremdlich ich diesen Aspekt zunächst fand - und vor allem Harolds Reaktion darauf -, so realistisch ist er eben doch in der heutigen Zeit, in der eine Schlagzeile weit mehr wert ist als der tiefere Sinn, den eine Pilgerreise haben mag.
Das Cover, das vom englischsprachigen Original übernommen wurde, finde ich in seiner Schlichtheit übrigens ausgesprochen schön und sehr ansprechend.

Fazit:
Ein kluges, warmherziges Buch, das zum Nachdenken anregt und einen manche Gegebenheiten des Lebens mal mit anderen Augen sehen lässt. 5 Bücherstapel.

Ein herzliches Dankeschön an die Fischer Verlage für das Leseexemplar und die wunderbare Idee, das Buch auf Reisen zu schicken!

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