Sonntag, 18. März 2012

"Spätestens in Sweetwater" - Ruediger Schache

Nymphenburger Verlag, 2012
19,99 Euro

Handlung:
Sweetwater ist der Ort, an dem sich Seelen treffen, wenn sie im Leben für ihre Erfüllung von Liebe nicht zusammenfinden konnten, so die Legende. Der Journalist Caleb Brooks kommt in die amerikanische Kleinstadt, um die sonderbaren Vorfälle dort zu recherchieren. Er verliebt sich in Carol Ryder, die jedoch, wie schon seine erste Frau, auf tragische Weise ums Leben kommt. Caleb wird in einen inneren Albtraum geschleudert, bis er erkennt, wie er selbst seine Realität erschafft. Er versucht, das Unmögliche möglich zu machen - unter Einsatz seines Lebens ...

Meine Meinung:

„Kein Mensch kommt zufällig nach Sweetwater“, fuhr sie fort. „Und niemand verlässt es unverändert.“ (S. 54)

„Spätestens in Sweetwater“ beschäftigt sich mit der Frage, wie viel im Leben zufällig passiert und wie viel eher Schicksal ist - sofern es so etwas wie Schicksal denn überhaupt gibt. Diese eher philosophisch anmutende Diskussion ist hier in eine teils schöne, teils tragische Geschichte um Caleb und Carol verpackt, die sich leicht, flüssig und trotz einiger hoch wissenschaftlicher Ausführungen verständlich lesen lässt. Caleb, der einen schweren Schicksalsschlag wegzustecken hat, lernt durch eine spontane Reise mitten ins Nirgendwo in den USA Carol kennen - und lieben. Von Anfang an haben beide das Gefühl, als würden sie sich schon ewig kennen und als wäre ihr Zusammentreffen gewissermaßen vorbestimmt gewesen.
Diese erste unterhaltsame Hälfte des Buches habe ich sehr gern gelesen. Wunderbare Idee, schöne Sprache, nette Story und interessante Charaktere. Sehr schön finde ich auch die Idee, die einzelnen kurzen Kapitel ab und zu aus verschiedenen Sichtweisen spielen zu lassen. So kommen abwechselnd Caleb und Carol zu Wort; man erfährt jedoch auch Gedankengänge beispielsweise eines Kuriers, der ein wichtiges Paket zu transportieren hat. Was hier leicht zu unübersichtlich hätte werden können, gibt genau die richtige Menge an Informationen und Details zum Verständnis der Gesamthandlung wieder - außerdem bekommt man als Leser die unterschiedlichsten Sichtweisen geboten. Die kleinen eingestreuten Andeutungen und Anspielungen hier und da auf die große Frage „Schicksal oder Zufall“ sind passend eingebaut und unterstreichen das Besondere der Geschichte zwischen beiden Hauptfiguren Carol und Caleb.
In der zweiten Buchhälfte entwickelt sich diese theoretische Diskussion jedoch leider recht anstrengend. Während die erste Hälfte des Buches noch eine ausgewogene Mischung aufweist aus Handlung per se und Überlegungen von Caleb über das Leben allgemein und das Schicksal im Besonderen, ist der Endteil des Buches überladen mit wissenschaftlich-philosophischen Ausführungen und quantenphysikalischen Überlegungen. Das wurde mir hier zu analytisch. Caleb nimmt die Rolle des gelehrigen Trauernden ein, der zu sich selbst finden soll - und tut das auch prompt und große Probleme. Ihm offenbart sich das Geheimnis von Sweetwater quasi innerhalb von Stunden (nachdem er tagelang daran gescheitert ist) und fühlt sich fortan weise und belehrt. Dieses besagte Geheimnis habe ich als Leserin jedoch bis zum Ende nicht greifen können. Das Ende war mir zu klischeehaft, zu gewollt. Den Kern des Ganzen; die Frage, war es denn jetzt Zufall oder Schicksal - die bleibt vor lauter Glückseligkeit fast ein wenig auf der Strecke.

„Was wäre, wenn nichts so ist, wie es uns erscheint? Wenn alles immer auch eine tiefere Ursache hätte? Und dahinter noch eine und noch eine? Was würdest du finden, wenn du dem Faden eines Ereignisses bis zum Ende folgst?“ (...) „Was wäre, wenn man einfach nicht aufhörte, nach dem Warum zu fragen?“ (S. 208/209)

Fazit:
Ich fand die Überlegungen schön, die hier zum Thema „Schicksal und Zufall“ aufgegriffen und besprochen wurden, und es sind in diesem Buch einige wirklich sehr gute und wahre Sätze enthalten, die zum Nachdenken anregen. Jeder hat sich schon einmal überlegt, wie das eigene Leben verlaufen wäre, wenn man sich an Tag X anders entschieden hätte. Wenn man hier und da eine andere Entscheidung getroffen hätte. Und ich glaube, jeder hat sich auch schon einmal gefragt, ob es so etwas wie Schicksal gibt.
Die Umsetzung dieser Fragen fand ich in diesem Buch okay, mehr aber leider nicht. 4 von 6 Bücherstapel.


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