Donnerstag, 1. September 2011

"Nacht, komm!" - Agnes Hammer

Script5 Verlag, 2011
12,95 Euro

Handlung:
Lissy Winterhart, notorische Schulschwänzerin, aufbrausend und gelegentlich gewalttätig, muss in einem städtischen Altenheim Sozialstunden ableisten. Als eine der Pflegerinnen ermordet aufgefunden wird, fällt der Verdacht sofort auf die vorbestrafte Lissy. Sie hat kein Alibi für die Tatzeit, dafür aber ein handfestes Motiv: Denn sie hat sich Knall auf Fall in Daniel verliebt, den Freund der Ermordeten. So sehr, dass sie ihm mehr vertraut, als sie sollte...

Meine Meinung:
Es fällt mir etwas schwer, mir eine richtige Meinung über „Nacht, komm!“ zu bilden. Rückblickend betrachtet würde ich sagen, dass das Buch einerseits sprachlich, zum anderen inhaltlich nicht unbedingt meinen Geschmack getroffen hat.
Zum einen ist da die Tatsache, dass die Autorin sich vorwiegend kurzer abgehackter flacher Sätze und Dialoge bedient, die kein wirklich zusammenhängendes und stimmiges Lesen ergeben. Oftmals handelt es sich nur um kurze Äußerungen, Zwei-Wort-Sätze, die mit 3 Punkten enden und nichts Tiefgründiges beinhalten. Natürlich entspricht das der ganzen Atmosphäre, in der sich die Hauptfigur Lissy bewegt und in der die Handlung des Buches spielt. Warum sich mit vielen Worten aufhalten, wenn man das wesentliche auch kurz und knapp halten kann? Lissy als Hartz-IV Kind, das nur von der Mutter großgezogen wird; Lissy, die die Schule geschmissen und keine Ahnung hat, was aus ihrem Leben werden soll; Lissy, die einfach so in den Tag hinein lebt. In ihrer Welt haben Reflektionen, Wünsche und Träume keine Bedeutung - oder schlimmer noch, es ist kein Platz dafür. Leider hat mir Lissy aufmüpfiger, naiver Charakter gar nicht gefallen; mal ist sie aufbrausend, mal völlig teilnahmslos, sie hat keine Perspektive im Leben, möchte aber offensichtlich auch keine haben. Sie war mir nicht nur dadurch eine völlig unsympathische Figur. Aber auch die anderen Personen im Buch verschwinden in einer blassen schwammigen Masse an handelnden Figuren, keiner zeichnet sich durch wesentliche Aspekte oder Eigenheiten aus. Am interessantesten erschien mir hier noch Franka, eine Nachbarin von Lissy, und diese hat „ihre Geschichte“ interessanterweise schon weg, nämlich im Buch „Herz, klopf!“, welches 2009 von Agnes Hammer erschienen ist und in dem eben Franka die Hauptrolle spielt.
Ansonsten war mein Eindruck von „Nacht, komm!“ leider eher, dass die Handlung bestenfalls an der Oberfläche kratzt und dem Ganzen etwas an Bedeutung fehlt. Die Geschichte von Neles Tod, der Freundin Lissys aus dem Altenheim, wirkt wie nebenbei erzählt - als eine Nebenhandlung zu Lissys Alltag und der Fussball-WM 2010, während der die Handlung spielt - und findet schließlich auch nur ein recht unspektakuläres Ende.
„Mutig“ fand ich es von der Autorin andererseits, Teile der Handlung im Obdachlosen-Milieu spielen zu lassen - mit Lissys Vater als stets betrunkenem Obdachlosen auf der Straße als Aufhänger. Agnes Hammer schreibt sachlich und schonungslos, vermittelt ein vermutlich recht realistisches Bild vom Leben auf der Straße, und auch davon, was es heißt, als Tochter eines Obdachlosen zu leben, die von ihrem Vater an schlechten Tagen nicht mal mehr erkannt wird. Wir alle sehen fast tagtäglich obdachlose Menschen, aber wie oft haben wir uns schon mal gefragt, ob diese Person da eben nicht vielleicht eigentlich eine Familie, eine Tochter wie Lissy hat?! 

Fazit:
Ich hab ein wenig mehr von „Nacht, komm!“ erwartet, und letztlich steckt hinter dem Klappentext auch nicht wirklich das, was er vermuten lässt. Ein „Thriller“ ist das Buch in meinen Augen nicht. Schon eher die Geschichte von Lissy, die aus schwierigen sozialen Verhältnissen kommt und versucht, das Beste aus ihrer Lage zu machen. 3 von 5 Bücherstapeln.
Ein herzliches Dankeschön an den Script5 Verlag für das gewonnene Rezensionsexemplar!

1 Kommentare:

Powered by Blogger.

© i am bookish, AllRightsReserved.

Designed by ScreenWritersArena