Samstag, 27. August 2011

"Der Spielmann" - Ingrid Ganß


Handlung:
Während sich in Frankreich am Hof des Sonnenkönigs Ludwig XIV. jede erdenkliche Pracht entfaltet, leiden die deutschen Lande unter den Folgen des 30jährigen Krieges. In dieser Zeit begeistert sich die behütet aufgewachsene, gebildete Fürstentochter Elisabeth für die aufkeimenden Gedanken von der Gleichheit von Mann und Frau. Sie widersetzt sich den Heiratsplänen ihres Vaters, bis dieser die Geduld verliert und sich zu dem Schwur hinreißen läßt, sie solle nach Ablauf eines Monats mit dem erstbesten Manne vermählt werden, der um ihre Hand anhält. Und just an diesem Tag betritt der verwegen aussehende junge Spielmann Jakob den Speisesaal des Fürsten. Er führt die verwöhnte Prinzessin auf die staubige Landstraße, und Elisabeth muß lernen, sich in der ihr gänzlich unbekannten Welt der Gaukler und Zigeuner, der Bauern und Küchenmägde zurechtzufinden. (Quelle: amazon)

Meine Meinung:

„Was für eine Frau willst du? Die Richtige? Die Einzige? Eine für alles? Das gibt es nicht!“ (S.3)

Oje. Anfangs war ich unglaublich skeptisch, ob das ein Buch für mich ist. Ich hab angefangen zu lesen und irgendwie... hat mich die Geschichte überhaupt nicht mitgerissen. Elisabeth war mir zunächst herzlich unsympathisch, als unausstehliche, arrogante und reiche verwöhnte Fürstentochter, die partout nicht heiraten will; und auch die Handlung als solche schien nicht wirklich in Schwung zu kommen. Viel mehr zeugten die ersten Dutzend Seiten nur von einer gründlichen Recherche der Autorin, was in vergangenen Zeiten tagtäglich am königlichen Hofe gemacht und worüber erzählt wurde. Dazu kam eine wirklich gewöhnungsbedürftige Schreibweise, die jedoch dem damaligen vornehmen Stil und der Zeit der Erzählung sehr gut wiedergegeben hat. Beispiele: „Ich habe mich längst daran habituiert...“ (S. 29), „Ich esperiere sehr...“ (S.30). Diese sprachliche „Aufgesetztheit“ von Elisabeth wird jedoch zunehmend geringer, als sie mit Jakob unterwegs ist und erkennen muss, dass ihr Leben wohl nicht mehr so luxuriös sein wird, wie sie es gewöhnt war - und dass die Vermählung mit einem Spielmann tatsächlich kein Scherz ihres Vaters war.
Ich denke, jeder kennt das Märchen vom König Drosselbart. Und auch wenn „Der Spielmann“ sich an dem Grundgerüst dieses Märchens bedient, so verbirgt sich hinter diesem Buch doch so viel mehr als das klassische Märchen. Märchen sind für gewöhnlich kurz gehalten; Wochen werden in wenigen Sätzen abgehalten, Prinz und Prinzessin sehen sich und heiraten 2 Tage später. Autorin Ingrid Ganß hat sich hier die Mühe gemacht, eine ausführlichere und dadurch viel realistischere Version des Kennen- und Liebenlernens zwische Jakob und Elisabeth aufzuschreiben. Und eine wunderschöne noch dazu. Nachdem die beiden erstmal eine Weile im Lande unterwegs sind und Elisabeth so langsam aber sicher ihre Hochnäsigkeit wegstecken muss, hab ich unglaublich gern von den beiden gelesen. Das langsame sich-Antasten, sich-Kennenlernen, das Erkennen, das nicht alles nur schwarz-weiß bzw. arm-reich ist, sondern das Leben noch so viel mehr bietet - das hat die Autorin in schöne Dialoge und Gedanken verpackt.
Vom Ende war ich gleichermaßen positiv überrascht als auch enttäuscht. Positiv überrascht, weil es kein typisches Ende getreu der Grimmschen Märchen ist. Wer auf ein „Und wenn sie nicht gestorben sind...“ hofft, der wird wohl nicht auf seine Kosten kommen. Enttäuscht deswegen, weil... was ist das denn für ein Ende? Offen kann man es gar nicht nennen. Wohl aus diesem Grunde wird die Geschichte um Elisabeth und Jakob auch weitergeführt, nämlich im Buch „Der König“, 2010 im Dyras Verlag erschienen.
Erwähnen sollte ich vielleicht auch, dass das ganze Buch keine Kapitelunterteilungen enthält, sondern in einem fließenden Text erzählt wird. Bestenfalls findet man hier und da einen Absatz. Wer also ein „Kapitelleser“ ist (wie ich es eigentlich bin), der sei hier vorgewarnt.
Abschließend noch ein Wort zum Cover: das finde ich ausnehmend hässlich. Ich glaube, hätte ich dieses Buch im Regal eines Buchladens gesehen, hätte ich wohl schon wegen des Covers nicht zugegriffen - was schade ist, weil mir dann einige Stunden sehr guter Lektüre entgangen wären.

Fazit:
„Der Spielmann“ ist kein Buch, das man mal eben so weglesen kann. Man sollte sich Zeit für die fast 600 Seiten nehmen, und nicht zuletzt durch die teils hochtrabende Artikulation der Figuren auch die volle Aufmerksamkeit widmen. Und man sollte auch kein Märchen im klassischen Sinne erwarten. Sehr schöne (Neu-) Umsetzung des alten Märchens. 4 von 5 Bücherstapel. 

Ein herzliches Dankeschön für das Rezensionsexemplar an den Dryas Verlag sowie an Blogg dein Buch!

2 Kommentare:

  1. Um das Buch schleich ich auch schon seit einer Weile rum. Leider gibts das nicht in der Bücherei, und ob ich es wirklich so unbedingt lesen möchte, dass ich bereit wäre, dafür Geld auszugeben, weiß ich noch nicht recht. Aber es klingt ja doch recht interessant.
    Das Cover finde ich übrigens auch ganz furchtbar, das hat irgendwie was von Groschenroman.

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  2. Puh, ich bin immernoch am Lesen, is ja schon eine ganz schöne Schwarte das Ding. Ich muss jetzt endlich mal schauen, dass ich vorran komme :) Aber da König Drosselbart mein Lieblingsmärchen ist, sollte mir das Buch eigentlich auch gefallen ;)

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