Sonntag, 17. April 2011

"Die Villa am Rande der Zeit" - Goran Petrovic

2010, dvt Verlag
14,90 €

Handlung:
Der Belgrader Student Adam erhält ein ungewöhnliches Angebot: Er soll ein Jahrzehnte zuvor erschienenes Buch umarbeiten. Ein scheinbar harmloser Auftrag. Doch bei der Lektüre macht Adam eine sonderbare Erfahrung: Unversehens findet er sich mitten in dem Roman wieder und begegnet anderen Lesern, die über dieselbe Gabe verfügen. Nicht alle haben ein unschuldiges Interesse an dem Buch. Als ein Mord geschieht, muss Adam sich entscheiden: Will er seinen Auftrag erfüllen oder verhindern, dass dieser imaginäre Zufluchtsort unwiederbringlich verloren geht?

Meine Meinung:
Lektor Adam erhält den Auftrag, das Buch „Mein Vermächtnis“ von Anastas Branica inhaltlich und sprachlich zu überarbeiten, nach den Wünschen eines Ehepaars. Dieser für ihn außergewöhnliche Wunsch bekommt plötzlich deutliche Echtheit, als Adam klar wird, dass es möglich ist, in das Buch einzutauchen und dort eine Art andere Welt zu besuchen – eben die Welt, die dort von Branica beschrieben ist. Die „Ausbesserungen“, die er vornehmen soll (Gardinenfarben ändern, Musikzimmereinrichtung, Sessel verschieben), laufen tatsächlich in der Handlung des Buches selbst von statten. Dort begegnet er anderen Lesern, die zur selben Zeit im selben Buch lesen, auf der ganzen Welt verteilt. Diese laufen sich hier über den Weg, reden miteinander – verlieben sich sogar ineinander...
„Die Villa am Rande der Zeit“ ist ohne Frage ein eigenwilliges Buch, wie ich es schon lange nicht mehr gelesen habe. Es lebt von einer fantastischen Idee, die auch sehr gelungen umgesetzt wurde. Sprachlich bewegt sich der Autor Petrovic auf ganz hohem Niveau; er gibt jedem Satz das besondere Extra und lässt selbst unbedeutende Aspekte ausgefeilt und durchdacht klingen. Trotzdem verliert der Sprachstil dadurch nicht an Spontaneität oder Wirkung. Es passt einfach alles gut zusammen.
Dennoch komme ich nicht umhin, kleine Längen hier und da zu bemängeln, die sich im Text finden, und in denen zuviel Nebeninformation verarbeitet wird, die für die Haupthandlung gar nicht wirklich von Relevanz ist. Das Buch liest sich dennoch erstaunlich leicht und flüssig weg, auch wenn ich – als eher ungeübte Leserin osteuropäischer/ russischer Literatur – zugegebenermaßen ein wenig über serbische Namen und Begriffe gestolpert bin. Auch historische und gesellschaftliche Aspekte von Serbien werden angedeutet und teilweise im Kontext eingebaut.
Als etwas irreführend habe ich den Klappentext empfunden. Denn nicht Adam erscheint als die Hauptfigur, sondern nach und nach werden verschiedene Personen vorgestellt, die alle ihren Beitrag zum Entstehen und Fortbestehen des Buches „Mein Vermächtnis“ leisten und letztlich für Geschehnisse verantwortlich sind. So wird die Handlung beispielsweise auch aus der Sicht des Autors Anastas erzählt, nämlich wie dieses beeindruckende Stückchen Literatur eigentlich entstanden ist; oder auch aus der Sicht von Sretem, einem Spion, dem das Buch eines Tages in die Hände fällt.
Kurz: „Die Villa am Rande der Zeit“ ist ein wirklich schönes Buch zum Schmökern und zum Träumen. Wer hat sich beim Lesen nicht schon einmal gedacht, wie schön es wäre, in die eigene Lieblingsgeschichte einzutauchen, und sei es wirklich nur, um dort mal die Wandfarbe eines Zimmers ändern zu können... Und wer jetzt denkt, die Geschichte sei nur eine Art Abklatsch der „Tintenherz“-Trilogie, dem sei gesagt: nein, das ist sie nicht. „Die Villa am Rande der Zeit“ hat ihren ganz eigenen Reiz.

Fazit:
Die Rahmenhandlung und vor allem die Idee haben mir sehr gut gefallen. Hier und da fand ich Zusammenhänge und Verbindungen teils sprachlich, teils inhaltlich zu komplex und verworren. Daher gibt es von mir 4 von 5 Bücherstapel.

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